1. #1
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    Die Anstalt - Endzeit

    „Ich bin nicht verrückt“, hörte ich eine ungläubige Stimme aus meinem Mund ertönen, obwohl es nicht das erste Mal war, dass die mich mit dieser irren These konfrontiert hatten. Die zerrten von linker und rechter Seite an mir, um mich freundlichst zu bitten, mit denen zu kommen. Anstatt mir zu erklären, was vor sich ging, welche logische Prämisse ihrer irren These zugrunde lag versuchten die, mich stets mit ihren Zuckerbrotphrasen auf Daunen zu betten.
    „Niemand sagt das, kommen Sie jetzt einfach mit uns. Wir bringen Sie an einen Ort, an dem es Ihnen besser gehen wird. Wir wollen Ihnen helfen“, pressten die unentwegt hervor, während die meinen letzten körperlichen Widerstand durch Überzahl nichtig werden ließen. Ich wusste, dass die berechtigt waren, mir eine Beruhigungsspritze ins Bein zu jagen, ich fasste es als guten Willen ihrerseits auf, dass das noch nicht geschehen war.
    Wieso war ich hier? Ich wusste es nicht. Abgesehen von der haarsträubenden Stresssituation in der ich mich gerade befand ist mir noch nie klargewesen, wieso die mich in dieses Endlager für gescheiterte Exzentriker gesteckt hatten. Mein Kopf war fähig, jedwede logische Herleitung innerhalb meines Horizonts problemlos nachzuvollziehen; nur nicht, warum die mich unbedingt in diesem Loch behalten wollten.
    „Ich bin nicht verrückt“, stammelte ich, diesmal mit Nachdruck, gefolgt von einem kraftvollen Widersetzen gegen den Schub nach vorn in Richtung der Eisentür mit dem kleinen schmutzigen Fenster. Wieder löste ich dadurch nur die altbekannten Phrasen aus und wurde von denen nur noch fester in Richtung der Tür geschoben. Ich wollte da nicht hin. Ich wusste genau, wie es dort aussehen würde. Es wurde die „Reinkammer“ genannt, ein Raum in dem einen sechs weiße, gepolsterte Flächen erwarteten. Weiße Wände, die oben und unten von Decke und Boden hermetisch abgeriegelt schienen, ebenfalls weiß. Ich stumpfte da immer ab. Dort gab es nichts zu denken. Als würde mein Kopf zum Erhitzen gebracht und ihm ein Deckel aufgepresst. Die wenigen neuen Erkenntnisse die daraus aufstiegen prallten an den Deckel und tropften irgendwann wieder zurück in den wohlbekannten Einheitsbrei. Ich wollte da nicht hin, ich wollte Neues lernen, Altes sehen, Neues mit Altem verbinden. Was ich auf keinen Fall wollte war, nichts mehr erreichen zu können.

    Ich hatte schon Tage nichts mehr zu mir genommen.
    Als ich damals aus dem Reinraum geholt worden war dachte ich, ich würde nie wieder etwas erreichen können. Lange hatte ich noch weitergeschrien, um denen klar zu machen, dass ich nicht verrückt bin. Dann irgendwann hatte ich mich gegen eine Wand gelehnt und das kleine Fenster angestarrt. Es war nicht wirklich ein Fenster, nur vier kleine, rechtwinklig angeordnete Ritzen, die offenbarten, dass sich da von außen etwas öffnen ließ. Nach einiger Zeit hatte ich den unbändigen Drang, einen Finger in eine der vier Ritzen zu stecken, an Stellen vorzudringen, die ich bisher nicht erfahren konnte. Aber ich konnte nicht aufstehen. Ich konnte auch meine Arme nicht heben. Diese Schwere hatte sich fortgesetzt, manchmal war ein Körperteil weniger schwer und ich konnte kleine Bewegungen ausführen. Aber das wurde mir dann zu anstrengend und ich ließ es sein. Ich hatte mich der Reinheit des Raumes ergeben und war damit verschmolzen. Bis die mich rausgeholt hatten.
    Ich fühlte kurz aufgeregte Wärme hochsteigen, als irgendjemand meinen Stuhl voranschob. Durch trübe, graue Schlieren konnte ich erkennen, wie sich vor meinen Augen eine andere Farbmischung ergab. Wir bewegten uns nicht weit, ich war wohl nur jemandem im Weg. Bald stagnierte die Farbmischung wieder. Ich hatte Schmerzen. Immer wieder wollte ich mich bewegen, aber alle Gliedmaßen blieben an ihrem Platz, meine Augen blieben starr. Das einzig Bewegliche waren die grauen Schlieren, die sich vor das Fenster meines Augenlichts schoben. Manchmal lichtete sich der Blick, doch die Schlieren zogen sich alsbald wieder zu.
    Ich weiß nicht mehr, wann ich eingeschlafen bin. Irgendwann stand auch das Grau vor meinem Augenfenster still und verdeckte alle anderen Farbmischungen dahinter. Irgendwann waren dann auch die Schmerzen hinter den Schlieren verschwunden und irgendwann danach war auch ich verschwunden.
    Geändert von BlackLight (16.04.2015 um 19:14 Uhr)


  2. #2
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    AW: Die Anstalt - Endzeit

    Ist gut geworden. Man spürt die Beklemmung, die totale Abschottung und iwie ist es traurig, dass er das alles für gerechtfertigt hinnimmt.

    Der zweite Absatz liest sich besser, iwie flüssiger.
    Stresssituation->Sauerstoffflasche^^
    nein


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  4. #3
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    AW: Die Anstalt - Endzeit

    "Anstatt mir zu erklären, was vor sich ging, welche logische Prämisse ihrer irren These zugrunde lag, versuchten die,"

    "Die wenigen neuen Erkenntnisse, die daraus aufstiegen, prallten an den Deckel"

    "wollte, war,"

    Mh, ein düsterer Einblick in eine Welt, in die man wohl niemals so freiwillig vordringt und hofft, das auch niemals zu tun. Gut reingefühlt. Irgendwann ist der Wille der Person gebrochen, zumindest hier. Irgendwie traurig.

    Und das mit den schweren Armen kenne ich.^^
    Wer an Telekinese glaubt, der hebe bitte meine Hand.



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    BlackLight (16.04.2015)

 

 

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