1. #1
    GERT
    Gast

    Resignation auf dem Wege des Aristoteles


    Resignation auf dem Wege des Aristoteles



    Wasser.


    Lennard öffnete die Augen. Eine Explosion von Licht tanzte vor seinen Augen, zerriß diesen Moment des Wohlfühlens, die Flucht in ein bisschen Wärme, ein letztes Kuscheln an Erinnerungen der glücklichen Kindheit und schleuderte ihn mit voller Wucht aus seinen Träumen gegen die kalte Felswand der Realität. Was hatte er noch gleich geträumt?
    Es war ein seltsamer Traum gewesen. Er hatte unruhig geschlafen. Doch wo er sich noch einen Augenblick zuvor an verschwommene Schemen erinnerte, da war nun nichts als Schatten. Schatten und Gedankenfetzen. Schatten die von dem grellen Licht, das durch das Fenster knallte, dessen Jalousie Lennards Mutter soeben geöffnet hatte, verschluckt wurden; Gedankenfetzen, die von ihrer Stimme in Asche verwandelt wurden, brutal und unbarmherzig.
    „Lennard, steh' auf! Du musst zur Schule.“, grollte sie, während eine Maske aus Schlafmangel und Demotivation sie bereits wieder aus seinem Zimmer heraus begleiteten. Der tote Geruch von billigen Zigaretten zog wie eine Bestätigung ihrer Erscheinung hinter seiner Mutter aus dem Raum. Lennard rümpfte die Nase und zog die Decke zurück über den Kopf.

    Er ist ein guter Junge, mein einziger Sohn, ich bin sehr stolz auf ihn.

    Das schrille Klingeln der Schulglocke senkte sich wie ein schwerer Hammer über den kalten und nassen Schulhof. Zitternde Kinder standen vor der Eingangstür, kuschelten sich aneinander, pusteten warme Luft in ihre Hände, wünschten sich zurück in die Kindergärten, während nur einige Schritte weiter drei pubertäre Buben an einem Zigarettenstummel zogen, um noch ein bisschen mehr des todbringenden Rauches zu inhalieren, ein bisschen mehr Wärme, diesen unterbewussten Schwindel des Nikotins, Rausch, Gefahr, Verbot, Rebellieren, Widerstand gegen das System, gegen die Diktatur der Erwachsenen auszudrücken.


    Pflanzen.


    Lennard zog die Nase hoch. Er hatte im dritten Stock seiner Schule Unterricht.
    Die Schule war ihm zuwider. Abitur, Bildung, Ich-muss-was-aus-mir-machen, Schleimen bei verkorksten Lehrfiguren, gute Noten schreiben für ein bisschen mehr Taschengeld, ein bisschen mehr Luxus, ein Traum vom Glücklichwerden in der Zukunft.
    Plakate von Schüleraustauschen schmückten die Wände, verstärkten den Drang von Bloß-weg-von-hier, der sich in den Köpfen der Schüler eingenistet hatte, versprach ein paar Jahre ohne Pflicht, ohne Arbeit, versprach Abenteuer.
    Ein paar Schüler grüßten Lennard auf den Gängen, kurze Begegnungen, oberflächliche Beziehungen, oberflächliches Getue, oberflächliches Gelaber. Keiner weiß wie es dem anderen wirklich geht, aber jeder weiß, wie die neuesten Songs in den Charts heißen, wo am Wochenende die geilste Party abgegangen ist, wer betrunken war, wer Scheiße gebaut hat, wer welche Noten geschrieben hat, wer cool ist, wer uncool ist, wer mit wem geschlafen hat. Keiner weiß, wie es dem anderen wirklich geht.
    Einige Meter von Lennard entfernt gab ein Mädchen einem Jungen eine Ohrfeige und schrie ihn an, dass es vorbei sei mit ihnen. Ein Raunen ging durch die Gänge. Lennard seufzte und sah weg. Erinnerungen an eine vertraute Person tauchten vor seinen Augen auf. Sie war ihm doch so fern.

    Er hat die Scheidung von mir und meinem Mann gut verarbeitet, hat meine Alkoholprobleme verarbeitet, hat sich mit den vielen Liebschaften die ich hatte unterhalten oder sie zumindest stets höflich behandelt. Manchmal verstehe ich nicht, wie er mit alledem, was ich falsch gemacht habe so gut klarkommt.


    Feuer.


    Lennard packte sein Heft in den Rucksack vollgepackt mit Papier, Wissen, dass ihm zur Strafe wurde, Aufgaben, von denen er nicht wusste wie er es schaffen sollte sie alle zu erledigen, Anforderungen, die zu hoch waren, Menschen, die er glücklich machen musste, denen er es recht machen musste.
    Er zog seine Jacke an, nahm den Rucksack auf den Rücken und ließ sich von der Flut aus der Klasse treiben. Sie trieb ihn nach draußen, an die Luft, bis an die Straße, wo sie sich verteilte, sich aufteilte in rennende Kinder und aufgedrehte Jugendliche von denen jeder einzelne sich auf seinen Weg nach Hause begab. Lennard blickte zurück auf den Betonbunker hinter ihm. Erneut eine gewonnenr Schlacht, doch wann holte der Krieg sie alle ein? Irgendwann holte er jeden ein. Du überlebst ihn oder er holt dich ein.
    Holte er ihn ein? Lennard zuckte mit den Schultern. Er wusste es nicht.

    Lennard schreibt super Noten. Er ist sehr sehr gut in der Schule und arbeitet fleißig. Er engagiert sich sogar manchmal an sozialen Projekten.

    Lennard öffnete die Tür und hielt inne. Silentio. Wohltuende Stille. Es war niemand zuhause.
    Draußen wurde es schon dunkel; wieder ein Tag, der zu kurz ist.
    Lennard zog seine Jacke aus und schmiss seine Tasche in die Ecke des Flurs. An der Garderobe hing ein kleiner gelber Zettel.


    Gehe heute Abend aus.
    Pizza ist im Kühlschrank.
    - Mama

    Das Übliche.


    Luft.


    Lennard stolperte die Treppen in den Keller hinunter. Eine Tür. Ein Lichtschalter. In seinem Reich ging die Sonne auf.
    Ein Kühlschrank, eine Musikanlage, ein Fernseher, ein altes Sofa, mehr beinhaltete der kleine Raum nicht, aber Lennard war genügsam.
    Er schmiß die Wasserflasche, die er sich von oben mitgenommen hatte, auf die Couch und schaltete den Fernseher an. Irgendeine lächerlich schlechte Sendung lief im Fernsehen, aber das störte ihn nicht, es genügte ihm zu wissen, dass er intelligenter als diese Witzfiguren war und mehr aus seinem Leben machte, dass er Abitur machte, dass seine Mutter stolz auf ihn war, dass er studieren würde, dass er ein glückliches Leben leben würde, dass er Geld verdienen würde. Das genügte ihm. Lennard war genügsam. Dass die Serie das Allerletzte war, störte ihn nicht.

    Ich glaube, dass Lennard eine wirklich starke Persönlichkeit hat. Er kämpft sich durch das Leben und ist glücklich dabei, er arbeitet hart und gibt nicht auf. Das ist der Grund, warum ich stolz auf ihn bin.

    Der Junge stand auf und kramte aus der Sofaritze ein kleines Tütchen, in dem einige dunkelgrüne, pflanzenartige Krümelchen ruhten.
    Der kleine Junge nahm einen gläsernen Gegenstand unter der Couch hervor und befüllte ihn mit Wasser.
    Der kleine, siebzehnjährige Junge öffnete das Tütchen, entleerte es, zog ein Feuerzeug aus seiner Tasche hervor.
    Der kleine, schwache, siebzehnjährige Lennard entzündete die Apparatur, beförderte den entstandenen Rauch mit einem starken Zug in seine Lungen und verband die vier Elemente.
    Geändert von GERT (28.03.2013 um 14:24 Uhr)

  2. #2
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    AW: Resignation auf dem Wege des Aristoteles

    ich find, dass das im gorssen und gänzlich eine gute situationsbeschreibung ist.
    da dürften sich einige in dem bild wieder finden.

    nur owas wie "Erneut ein gewonnener Krieg" würd ich überarbeiten.

    denn eigentlich ist man bereits mitten im geschehen und muss erst gar nicht von etwas eingeholt werden, auch, wie so elementar beschrieben, nach der schule. daher ist der krieg, wenn mans so verstehen will, permanent und jeder überstandene tag nur eine gewonnene schlacht.
    ....

    任何人谁读这是愚蠢的。 嗨,伙计。

  3. #3
    GERT
    Gast

    AW: Resignation auf dem Wege des Aristoteles

    Zitat Zitat von Lang Zu Beitrag anzeigen
    denn eigentlich ist man bereits mitten im geschehen und muss erst gar nicht von etwas eingeholt werden, auch, wie so elementar beschrieben, nach der schule. daher ist der krieg, wenn mans so verstehen will, permanent und jeder überstandene tag nur eine gewonnene schlacht.
    Guter Einwand. Ich werde das vermutlich noch einmal überarbeiten, wenn ich noch ein bisschen mehr Kritik gesammelt habe.

 

 

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