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    Vergissmeinnicht

    Der Morgen war gekommen und die Sonne lies die Wolken am Himmeln in einem warmen Rot erstrahlen.
    Er lag noch immer wach. Die Nacht, mit all ihren funkelnden Facetten, war in einem Wimpernschlag an ihm vorbeigezogen und hatte wüste Gedanken in die Bahnen seines Gehirns geworfen, welches er sich seit Stunden zerbrach. Warum lag er noch hier und warum konnte er keinen Schlaf finden?
    Er schloss die Augen und beruhigte seinen Atem. Zwischen langen rotbraunen Haaren warfen ihm zwei geheimnisvoll schimmernde braune Perlen ein sanftes Lächeln zu. Gutmütig und sehnsüchtig. Er versuchte das Lächeln zu erwidern, doch seine Lippen schienen erstarrt zu sein. Wie eingefroren, in seine eigene innere Kälte gehüllt, war er unfähig diese einfache und doch herzliche Geste auszuführen.
    Aus seiner Wanduhr tropfte Vergänglichkeit. Das monotone Ticken wurde immer lauter in seinem Kopf, pochte immer härter gegen die innere Wand seines Schädels, kontrollierte Atmung, seine Augen, nur Gedanken im Sekundentakt.
    Jedes Ticken war wie ein Stich in seine Adern, saugte ihm jeglich Lebensgeist aus und breitete sich in seinem Leib aus.
    5:06
    Ob sie schon über den Wolken war? Unterwegs in die weite Ferne, dorthin, wo seine Gedanken sich längst verlaufen hatten. Er wusste es nicht. Sein Kopf schien leer und war doch so Sorgenschwanger. Sie hatte ihm eine schöne Zeit geschenkt, eine wärmende Decke um sein müdes Herz gelegt und er hatte sich weggedreht.
    Die ersten Vögel besangen den neuen Tag, optimistische Klänge von neuen Ufern, einen neuen Abschnitt einleitend.
    Er öffnete seine Augen und musste, durch die ins Zimmer einfallende Sonne, blinzeln. Sie hatten viel Zeit miteinander verbracht, beieinander, sich federleicht gefühlt. Wenige Worte fielen, doch warum auch? Wenn einem die Worte fehlen, findet man nur die Falschen. Und warum auch zwanghaft nach ihnen suchen, wenn es doch „Vernunft ist nichts, Gefühl ist alles“ hieß? Sollte man sich nicht wortlos in den Moment fallen lassen, frei von jeglichen Zwängen, sich auf den Schwingen der Zuversicht treiben lassen?
    Und doch gab es Worte zu sagen, Sätze zu bauen, welche Wert in diesem Moment hatten – Doch nie seine Lippen verließen.
    Er trat ans Fenster und schob seine weinroten Gardinen beiseite und lies seinen Blick über den glänzenden Städtehorizont streifen. Während er sich in seiner 3-Zimmer Wohnung mit IKEA Mobiliar und Sicherheitsschloss geschützt fühlte, begann für andere der erbitterte tägliche Kampf des Lebens, in verschiedenem Ausmaß. Das Leben war so laut geworden, all die Menschen, verlorene Seelen auf dem täglichen Weg zum höheren Zweck, um am Ende doch nur mit einem finanziellen Hungerlohn belohnt zu werden. All das war nichts für ihn. Hier oben war er sicher, hier hatte er den Überblick.
    5:10
    Die Zeit schien nicht zu vergehen, zu warten, auf ihn und seine nächste Handlung, ihm noch eine Chance zu geben, einmal etwas Mut zu beweisen, sich klar zu machen, was er gehen ließ. Und doch schien er zu sehr in seiner eigenen Welt verloren, Gefangen in Gedanken, an Altes, von der Zukunft, Bilder wie es sein könnte, wie es sein würde, wie der Anfang enden würde. Aus Angst wieder Fehler zu begehen, etwas Schönes zu zerstören, zu enden wie diese Ameisen von Menschen die durch ihr tägliches Leiden krochen, hin zum Glück, welches sie nie erreichen würden, aus dieser inneren Sorge heraus verkroch er sich in seinem Gefängnis aus Sicherheit. Doch auch ihm war klar, dass dies keine Lösung war, denn Glück galt nur dem Mutigen, der es wagte über seinen eigenen Horizont des Unverstandenen hinaus zu blicken, einige Schritte nach vorne zu wagen und das Paradies mit den Fingerspitzen zu küssen. Das war es doch was schlussendlich zählte und die kleinen Tautropfen vom Ozean des Stroms trennte.
    Er hob den Blick gen Sonne, welche sich den Weg über die noch müde Welt bahnte. Sollte er es wagen? Mehr als der sich jetzt schon anbahnende Verlust würde eh nicht dabei rumkommen.
    Er streifte sich sein Hemd über, das ihn schon auf so vielen Pfaden begleitet hatte und schnürte die Schuhe.
    Seine Augen sprühten plötzlich voll von Zuversicht, die Zweifel waren gewichen, der Mut kroch aus seinen dunklen Nischen hervor.
    Die Tür fiel lauter ins Schloss als sonst und gab ihm den letzten Schub von Klarheit, den er brauchte. Sein Kopf war leichter geworden, der Weg zum Flughafen war unbeschwerlich, die Bahnhaltestellen flogen förmlich an seinen Augen vorbei.
    Angekommen, glitten die Türen der S-Bahn gemächlich vor ihm auf und er begann den Aufstieg zum Terminal, hoffend auf einen letzten Moment, den Kopf erhoben, einmal sich selbst etwas zu beweisen – Sich selbst und ihr.
    Die Rolltreppe trug ihn direkt zum Abflugsbereich und jetzt wünschte er sich so sehr wie noch nie, dass er noch rechtzeitig kam.
    Doch endlich angekommen, machte sich Unbehagen breit. Die Tafel mit den Abflügen war wie ein Schlag ins Gesicht – Er hatte sie verpasst. Es war eingetreten, wovor er sich so gefürchtet hatte, wieder einmal hatte er es versaut, ohne dass es überhaupt begonnen hatte – Das Ende kam, bevor der Anfang gebar.
    Den Kopf in Demut und Trauer gesenkt, wieder in Zweifeln verloren, in Schuldgefühlen ertränkt, sich bewusst werdend über seine eigene Unfähigkeit etwas Neues zu beginnen, breiteten sich in ihm aus. Der Zukunft nachtrauernd verließ er den Flughafen, den Ort der wie kein anderer für Abschied stand. Draußen angekommen ließ er sich auf einer Bank an einem Grünstreifen nieder. Sein Kopf drehte sich, er fühlte sich so schlecht wie seit Langem nicht mehr. Die Augen versuchten einen ruhigen Punkt zu finden und ihm wieder Sicherheit zu geben. Und aus der Leere, in die er versank blühte im glänzenden Sonnenschein ein einsames Vergissmeinnicht.

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  2. #2
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    AW: Vergissmeinnicht

    du liebst stimmungsbeschreibungen die manchmal leicht ausufern?
    ....

    任何人谁读这是愚蠢的。 嗨,伙计。

  3. #3
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    AW: Vergissmeinnicht

    Gut erkannt

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