1. #1
    Ivy
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    Die Melancholie einer Vase

    Meine gestrige Inspiration hat mich doch noch mal eingeholt.
    ___________

    Die Stimmen dringen durch die Wand, ich meinerseits lausche ihnen, mein Bruder andererseits verbannt sie. Gestorben sind sie für ihn, bedeutungslos, gar unsichtbar. So scheint es mir.
    Ich lege meine Hände auf die raue Tapete, lasse sie auf ihr hoch und auch hinab gleiten, bin gefangen in der Bewegung und fasse ohne Bedauern den Beschluss. Mein Bruder schaut nur kurz, bis er schließlich wieder im Buch versinkt, seine Brille schon unter der Nase, seine Augen bereits über dem Jetzt.
    Immer mehr Streifen löse ich von der Wand, beständig und ruhig. Zu ruhig, die Stimmen sind lauter. Ich beneide meinen Bruder, meinen furchtlosen Bruder. Wie er dort sitzt.
    Ich lege ihm ein Stück Tapete auf seinen Kopf. Er muss weinen, weil er philosophisch ist. Ich nicht.
    “Es ist verfallen”, stottert er und sitzt in seiner gewöhnlichen Haltung: Beine ran, Geist hinaus.
    Er ist wieder ruhig, ich verschwende keinen weiteren Gedanken.
    Benommen will ich ihm eine Vase in die Hand drücken. Direkt und konsequent.
    “Sieh dir die Form an”, sage ich bestürzt. “Sie beweist alles und auch nichts!”
    Die Vase liegt auf der Couch, versinkt in der braunen Masse und wird überhört. Ihre Schreie werden überhört, wie erträglich. Sie wird nicht gehört. Bin ich eine Vase?
    Mein Bruder zuckt, als wolle er sie berühren, als wolle er sie für sich haben.
    “Du kennst mich nicht”, flüstert er in den unglaublichen Lärm hinein. Da sind immer noch die Stimmen.
    Bestürzt nehme ich die Vase an mich, damit man ihre stummen Schreie auch ja nicht hören kann. Verstecke sie hinter meinen Schreien, dennoch ist sie hörbar.
    “Wie du so was sagen kannst!” Meine Stimme verlässt mich nicht, sie wird bannender und verfängt sich trotzdem in der sturen Banalität.
    “Dabei sagen sie du bist philosophisch!”, setze ich nach und stelle die Vase auf den kalten Boden, er ist nur kalt, weil alles andere warm ist.
    “Mir ist warm.” Ich suche in seinen Augen nach Bestätigung, finde nur Freude.
    “Ja, das. Das sagen sie.” Er ist verloren, denke ich. Verloren in der Vase.
    Ich greife zur Geige, nein ich setze mich doch ans Klavier. Warum schafft er das?
    Die Musik kommt mittlerweile, sie kommt wie sie möchte.
    “Ich möchte das nicht.” Er hält seine Augen zu.
    “Was? Was willst du nicht sehen?!” Ich spiele weiter. “Willst du nicht hören, dummer Junge? Halte deine Ohren zu! Was willst du mit deinen Augen!”
    Die Musik gerät in ein Schauspiel, in einen Beweis, in eine Haltung, in etwas Fassbares, etwas Verletzendes, schließlich in etwas Wahnsinniges.
    “Ich möchte das nicht.” Sein Geist verlässt ihn.
    Die Stimmen kommen hinein, sie sehen das Theater, sie sehen die Vase, sie sehen den unnachgiebig flüchtenden Geist.
    “Berückend, wir verkaufen die Vase.”
    Verstummt hinterlässt die Musik einen beiläufigen Geschmack der Frustration.
    Der Atem kommt ihm wieder und ich suche ihn, ja ich suche und finde ihn?
    “Du musst deine Ohren zuhalten, dummer Junge”, sage ich und fasse die Vase.
    Die Musik vergeht, nein sie soll nicht vergehen, denke ich.
    Fast scheint es so, als wäre das Publikum begeistert, wie sie starren, sie starren in die Unendlichkeit.
    Ich will sie zerschlagen. Die Vase. Jetzt. Bin…
    Zu lange hat sie alles konserviert, als dass es als zu kurz gegolten hätte. Bin…
    “Nein, bist du nicht”, plappert mein Bruder, sein Geist kann sich nicht entscheiden.
    “Wie kannst du mich hören?! Hättest du dir mal die Ohren zugehalten!”
    Sein Atem versiegt immer mehr in einem Spiel zwischen Beben und Stillstand.
    “Ich hab dich gesehen”, antwortete er.
    “Ach, das weiß ich doch!” Ich ziehe ihn unwillig in eine Umarmung.
    Die Vase fällt. Ich überlege kurz ob sie warm oder kalt war, schließlich stand sie vorher auf dem Boden.
    Seine Augen werden augenblicklich feucht, er trauert einer Freundin, nein einer guten Bekanntschaft hinterher.
    “Ich hab sie verloren”, schluchzt er. Das Publikum, die Menschen leben ihren Tag weiter.
    “Und du willst philosophisch sein?” Ich deute auf seinen Geist, der auf dem kalten Boden liegt.
    “Sag bloß?”, lache ich schrill und nehme eine Scherbe.
    “Bloß weiß ich nicht, wie es mir jetzt kommen soll, das Spiel mit dem Denken.”
    Seine Hände schnellen hervor, er packt die Scherben und drückt sie an sich. Was vorher erkannt wurde, verletzt ihn nun und er lässt los, verbraucht vom Widerspruch in seinem Herzen.
    Der Applaus der geladenen Gäste lässt das Blut auf dem Boden pulsieren und man muss plötzlich inne halten. Im Zittern, im Beben, selbst in der Vorfreude. Selbst der Tod lebt auf dem Boden. Auf unserem kalten Boden. Und dann kommt mir ein Gedanke, der Sinn. Ja der Sinn, der kommt mir immer zuletzt.
    Geändert von Ivy (23.05.2011 um 19:05 Uhr)

  2. #2
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    AW: Die Melancholie einer Vase

    Woah. Geil, geil, geil, geil, geil!
    *räusper* Diese Verworrenheit aus Un- und Wirklichkeit, diese Bilder aus Worten, dieser Schluss (ja, er gefällt mir ), rundum perfekt gelungen.

    Ps: Philosophisch, hm? Also, wenn du es nicht bist, dann waren es Platon und Kant auch nicht.


  3. #3
    Ivy
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    AW: Die Melancholie einer Vase

    Woah. Geil, geil, geil, geil, geil!
    *räusper* Diese Verworrenheit aus Un- und Wirklichkeit, diese Bilder aus Worten, dieser Schluss (ja, er gefällt mir ), rundum perfekt gelungen.
    Merci
    Wirklich nichts dran auszusetzen?
    Ja, beim Schluss hab ich mir extra für dich Mühe gegeben. (Ich will ja alle meine Kekse behalten ) Sonst gebe ich zu, wird der manchmal etwas schludrig. Obwohl das Ende ja wichtig ist.


    Ps: Philosophisch, hm? Also, wenn du es nicht bist, dann waren es Platon und Kant auch nicht.
    Das ist ja schon zu viel des Guten.
    Dabei hat mir die Vase bewusst gemacht, dass ich nicht philosophisch sondern wahnsinnig bin.

  4. #4
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    AW: Die Melancholie einer Vase

    Zitat Zitat von Ivy Beitrag anzeigen
    Merci
    Wirklich nichts dran auszusetzen?
    Ja, beim Schluss hab ich mir extra für dich Mühe gegeben. (Ich will ja alle meine Kekse behalten ) Sonst gebe ich zu, wird der manchmal etwas schludrig. Obwohl das Ende ja wichtig ist.
    Naja, bei näherem Lesen ist mir aufgefallen: nein. Man findet einzelne oft gebrauchte Ausdrücke, die du dann aber so verpackst, dass sie genau passen, sodass man so denkt: "Jetzt hab ich dich! Ach nee doch nicht"...

    Kriegst hete sogar einen Keks hinzu Danke für den tollen Schluss. :P

    Das ist ja schon zu viel des Guten.
    Dabei hat mir die Vase bewusst gemacht, dass ich nicht philosophisch sondern wahnsinnig bin.
    Sind es nicht die Wansinnigen, die Exzentrischen, die Ausgestossenen, die Verrückten, die seit jeher die Rolle der besten Philosophen übernehmen? [Hiermit bezichtige ich Sie in keinster Weise irgendeiner dieser Eigentschaften, des Weiteren bin ich sowieso rechtlich unantastbar und Tomate.]

    Ich wünsche dir (insgeheimst auch für meine Freude) noch viele aus solchen Inspirationen resultierende Texte.


  5. #5
    Ivy
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    AW: Die Melancholie einer Vase

    Sind es nicht die Wansinnigen, die Exzentrischen, die Ausgestossenen, die Verrückten, die seit jeher die Rolle der besten Philosophen übernehmen?
    Ein paar wurden -irgendwann- wahnsinnig, aber wenn ich damit anfange, wo andere aufgehört haben, werde ich dann irgendwann normal?
    Das inspiriert mich gerade, vielleicht.
    Aber ich will mich eigentlich gar nicht mit so großen Namen in einen Zusammenhang setzen lassen.

  6. #6
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    AW: Die Melancholie einer Vase

    Zitat Zitat von Ivy Beitrag anzeigen
    Aber ich will mich eigentlich gar nicht mit so großen Namen in einen Zusammenhang setzen lassen.
    Sind es grosse Namen, oder grosse Persönlichkeiten? Was haben diese Menschen von sich gedacht? Stimmt, es tut mir Leid, ich habe dich runtergezogen. Man ist wahrlich ein besserer Philosoph, wenn es nicht von anderen, sodern vom Selbst erwartet wird.


  7. #7
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    AW: Die Melancholie einer Vase

    Sind es grosse Namen, oder grosse Persönlichkeiten?
    Große Namen von großen Persönlichkeiten und doch bleiben es nur Menschen. Irgendwie unglaublich diese Vorstellung.
    Wer könnte so was heute noch erreichen, etwas Vergleichbares und dann noch diese "Popularität" erlangen?



    Stimmt, es tut mir Leid, ich habe dich runtergezogen. Man ist wahrlich ein besserer Philosoph, wenn es nicht von anderen, sodern vom Selbst erwartet wird.
    Du hebst mich in die Luft, aber ich kann nicht fliegen.

  8. #8
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    AW: Die Melancholie einer Vase

    Gefällt mir. Gefällt mir richtig gut.
    Mach weiter so!

    "Diskutiere nicht mit Idioten, denn sie ziehen dich auf Ihr Niveau herunter und schlagen dich dort mit Erfahrung."




  9. #9
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    AW: Die Melancholie einer Vase

    au ja, gefällt mir auch sehr gut.
    allerdings hab ich auch nen kritikpunkt.^^ an manchen stellen ist die sprache noch nicht so gut, aber daran kann man ja gut arbeiten. ausdrücke wie:

    estürzt nehme ich die Vase an mich, damit man ihre stummen Schreie auch ja nicht hören kann.
    und
    Zu lange hat sie alles konserviert, als dass es als zu kurz gegolten hätte.

    Ich bin mir nicht sicher, ob du das merkst, aber ist vielleicht auch nur sehr subjektiv und es stört andere nicht. viele bilder finde ich sehr schön, einmal war ich sogar begeistert, weiß aber nicht mehr wobei.
    und hier: Der Applaus, der geladenen Gäste, lässt das Blut au..
    hast du so'n bisschen die zeichnsetzung verhauen

  10. #10
    Ivy
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    AW: Die Melancholie einer Vase

    Gefällt mir. Gefällt mir richtig gut.
    Mach weiter so!
    Danke, ich gebe mir Mühe.

    au ja, gefällt mir auch sehr gut.
    allerdings hab ich auch nen kritikpunkt.^^ an manchen stellen ist die sprache noch nicht so gut, (...) hast du so'n bisschen die zeichnsetzung verhauen
    Danke für deine Kritik! Damit kann ich doch mal arbeiten.
    Uhh, die Zeichensetztung: peinlich, peinlich. Ich korrigiere das gleich mal.

  11. #11
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    AW: Die Melancholie einer Vase

    gut dass ich nie schwestern hatte ... und philosophen sind nun mal autisten.
    .



 

 

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