1. #1
    Freysinn
    Gast

    Die Nibelfragmente

    Ich überlegte, ob ich das neueste Werk aus der Reihe wieder einzeln poste, aber ich wollt die eh gern alle mal zusammen in einen Thread werfen... also tu ich das jetzt auch... mit dem Hinweis, dass das allererste das neueste ist. Ich versuch auch mal sie kontextologisch richtig anzuordnen....

    Nochmal allgemein. Bei den Nibelfragmenten handelt es sich um die Geschichten des Herrn Kaspar Nibels und seiner Dämonen. Nibel ist/war Direktor einer psychiatrischen Klinik und ideologischer Hardliner, der aufgrund einer körperlichen Krankheit seinem eigenen geistigem Zerfall begegnet.

    edit: gott... zeilenbeschränkung my ass... mussten also mehrere beiträge, und so...


    Die Farbe Braun

    Die Fischkutter schaukelten gemütlich im Takt der Wellen.
    Der Steg knarrte wie ein zufrieden-schlafendes Tier.
    Das Meer umschmeichelte den glatt-gemalten Sand mit Akzenten von Gischt.
    Irgendwo verhallte der Gesang der Möwen im Mundraum des Windes.

    Die späten Touristen Laboes, die wenigen, die sich im Oktober noch an die Promenade verirrten, taumelten wie spät-geborene Schlafwandler in herbstlicher Kleidung an den geschlossenen Souvenirständen entlang.
    Satyrev beobachtete das Szenario vom Außenbereich eines kleinen Cafés aus. Er setzte die Tasse vom Mund ab, schmiegte sie geräuschlos an den weißen, zeitgeschwängerten Tisch und ließ die Asche seiner Zigarette in den Aschenbecher rieseln. Er sah die Kellnerin schon vom weiten kommen und bestellte ungefragt mit einem freundlichen Lächeln einen weiteren Cappuccino. Die junge Dame lächelte ebenso freundlich zurück, notierte die Bestellung auf ihrem Schreibblock und verschwand mit der leeren Tasse im Inneren des Cafés. Sein Blick zog wieder über das herbstlich-maritime Szenario.

    Dann runzelte er die Stirn.

    Die Fischkutter schwankten wie betrunkene Titanen in Wellenkorsage der See.
    Der Steg kreischte wie ein drohendes, verwundetes Tier.
    Das Meer besudelte den grob-porigen Sand mit Fetzen von Gischt.
    Irgendwo entstand das Geschrei gesichtsloser Möwen im zahnlosen Wind.

    Menschen, ohne Meer im Blut torkelten wie geistig umnachtete Irre über die leer-gefegten Promenadenirrwege Laboes. Das Ehrenmal ragte wie ein drohender Finger auf Gott.

    Satyrev wischte sich den Schweiß von der Stirn.

    Sein Blick war leicht unruhig. Er fühlte sich gleichzeitig wirr und ungewohnt klar. Er versuchte sich abzulenken und fixierte einen Kutter am Hafen. An seinem Rumpf prangte der Name des Schiffes: „Bernstein“. Es wirkte irgendwie merkwürdig eindimensional, weil es komplett einfarbig gehalten war. In einem hellen Braun.

    Er wollte die Scherben seiner Tasse aufheben, starrte aber nur die frische, warme Brühe darin an und zog hastig den Blick hoch. Er zwang seine Augen den Strand entlang und versuchte das Gesicht zum Rauschen der Wellen zu finden. Er fand es nicht. Dann stieß er auf eine dunkelbraune Sitzbank.

    Mit der rechten Hand nahm er sich seine Linke von der Kehle. Seine Augen tänzelnden aufgeregt zwischen dem Kutter und der Bank hin und her. Sobald er die Gegenwart der beiden Objekte ahnte, was ihm durch eine leichte Übelkeit und eine aufsteigende schwärze in seinem Kopf erleichtert wurde, drehte er wieder um. Nach einiger Zeit allerdings fielen ihm immer mehr Kleinigkeiten auf.

    Ein Handfeger scharte an Porzellan und machte sprach-ähnlche Geräusche. Aus irgendeinem Grund war eine junge Dame in einer Schürze dabei. Sie lösten sich auf. Seinen Blick interessierte das ganze nicht besonders, sondern taumelte zwischen unangenehmen Akzenten hin und her. Eine braune Handtasche. Eine braune Hose. Seine Pupillen schlugen Harken, waren auf der Flucht und flimmerten wild hin und her. Jetzt sah er die Körner des Sandes, entdeckte Bernstein.

    „Hier ist ihre neue Tasse, ich hoffe sie haben sich nichts getan. Kann ich noch etwas für sie tun?“ „Nein danke, ich möchte gern bezahlen.“ Die Kellnerin blickte besorgt. Er wollte ihr nicht ins Gesicht schauen, also starrte er auf die grüne Schürze, das beruhigte ihn. Sie rechnete die Getränke auf ihrem Schreibblock zusammen.

    Dann zog sie ein braunes Portemonnaie aus der Tasche ihrer Schürze.
    Er schlug ihr die Faust ins Gesicht.
    Geändert von Freysinn (14.09.2009 um 17:53 Uhr)

  2. #2
    Freysinn
    Gast

    AW: Die Nibelfragmente


    Die Träume Satyrevs I


    Protokollarischer Aktenanhang e2 (außerordentlich)
    Patientennr: 3141592

    In der Sitzung vom Freitag mit Herrn Satyrev Rhey trat eine Besonderheit auf, die ich hiermit gesondert aktlich vermerken will. Dies ist für den Fall, dass weitere therapeutische Dissonanzen auftreten, die eine stationäre Behandlung notwendig machen könnten.

    Herr Rhey war bei dem Betreten der Praxis sehr aufgebracht und konnte von meiner Sprechzimmerhilfe nur schwer beruhigt und ins Wartezimmer gebracht werden. In der Sitzung selbst musste dann auch der eigentlich angesetzte Rorschachtest vertagt werden, da Herr Rhey nicht bereit war über etwas anderes zu sprechen als seinen derzeitigen Zustand. Es wurde entsprechend als erschwerender Umstand im Rechnungsbeleg vermerkt. Herr Rhey schilderte in dieser Nacht einen Traum erlitt, der ihn sehr verwirrt habe. Anliegend werde ich seine Schilderungen protokollarisch wiedergeben.

    „Ich befand mich im Aufsichtsraum einer Verarbeitungshalle, die, wie ein Vorarbeiter mir erklärte, zur Regulierung der maschinellen Produktion innerhalb des Pharma-Unternehmens diente. Es handelte sich um eine Firma, die auf biologischer Grundlage aphrodisierendes Potenzmittel herstellte. Das Unternehmen hieß OLYMP und ihr Produkt nannten sie ZEUS. Bei dem Mittel handelte es sich um eine Pille länglicher Form, die mit einem blauen Stier verziert war. Der Vorarbeiter erläuterte mir, dass ich für die Steuerung der Maschinen zuständig sein würde. Ich erklärte daraufhin, dass ich kein entsprechendes Verständnis für die technischen Gerätschaften, die in diesem Unternehmen benutzt werden, besitzen würde, weil es sich schließlich um spezialisierte, industrielle Maschinen handelte, die einer entsprechend ausführlichen Unterweisung notwendig machen würden. Doch er meinte nur, dass die Aufgabe im Prinzip ganz einfach sei. An der Wand befand sich ein auffällig großer Hebel, der, wie er mir versicherte, dennoch äußert einfach zu bedienen sei. Gleich neben diesem martialisch-anmutendem Hebel befand sich eine große, rote Lampe, die gelegentlich aufleuchten würde. Wenn dies geschähe, solle ich den Hebel betätigen. Ich fragte daraufhin, was dieser Hebe bewirke. Daraufhin erläuterte der Vorarbeiter, dass ich ein Bruttogehalt von 4000 Euro erhalten würde für täglich drei Stunden dieser Arbeit. Ich freute mich also über dieses leicht-verdiente Geld und wurde daraufhin allein gelassen. Lange Zeit passierte gar nichts. Letztendlich setzte ich mich an einen kleinen Tisch mitten in der Kammer und träumte vor mich hin. Nach einiger Zeit wurde ich durch einen lauten, metallischen Signalton fast vom Stuhl geworfen. Die Lampe leuchtete. Nein, ich möchte lieber sagen sie glühte. Das trifft es vermutlich besser. Wie ein dämonisches Auge glühte sie. Mein Herz schlug wild, während ich mich dem Auge und dem Hebel näherte. Ich wusste nicht genau warum, aber ich war furchtbar aufgeregt und ekstatisch. Ich brauchte tatsächlich überraschend wenig Kraft um den Hebel zu betätigen. Es irritierte mich, dass ich keine Reaktion bewirkte, aber vermutlich würde in der Verarbeitungshalle jetzt irgendein schweigender Prozess ablaufen. Doch dann entstand ein markerschütterndes Geräusch, als würde ein überdimensionaler Amboss auf eine Blechplatte geschleudert werden. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie laut das war. Der ganze Raum vibrierte noch Sekunden später. Dann war es wieder still, als wäre nie etwas passieren. Der Raum war im Normalzustand schon fast ungewöhnlich ruhig. Wenn ich mit den Fingern einmal gedankenverloren auf meinen Tisch trommelte, zuckte ich unwillkürlich zusammen, weil ich befürchtete, man könne es durch die ganze Anlage hören. Ein leichtes Unbehagen überkam mich und ich fragte mich erneut, was der Hebel wohl genau bewirkte. Dennoch wiederholte ich meine Aufgabe weitere 3 Male. Jedoch nicht, ohne nervlich jedes Mal ein wenig mehr angeschlagen zu sein. Als die Lampe das vierte Mal aufleuchtete und mich rief, schlich ich wie ein geprügelter Hund zum Hebel. Als der Knall wieder kam, wimmerte ich ein wenig vor mich hin und musste mich einige Male Ohrfeigen, bis ich zur Besinnung kam. Kurz danach öffnete sich eine Tür und ein Mitarbeiter bot mir an kurz zu übernehmen, damit ich auf Klo gehen oder eine Raucherpause einlegen könnte. Ich nahm dankend an. Auf dem Weg zum Aufenthaltsraum blieb ich unvermittelt stehen, als ich einen abzweigenden Flur, mit dem Hinweisschild „Zur EUROPA-Anlage – Unbefugten ist der Zutritt untersagt“ bemerkte. Mir war klar, dass es sich hier um den Apparat handeln musste, deren Ablauf ich durch den Hebel bediente. In mir entstand ein Gewissenskonflikt. Ginge es nur um Neugierde, wäre mir klar gewesen, dass es falsch wäre auch nur daran zu denken, die Anlage zu betreten. Aber schließlich empfand ich es als eine Frechheit, dass von mir gefordert wurde Teil eines Vorganges zu sein, dessen Auswirkung ich nicht kannte. Also schlich ich zur EUROPA Anlage. Sie wurde von einer schweren Eisentür verborgen, die sich aber ohne Probleme öffnen lies. Als ich eintrat, war ich ein wenig verwirrt. Kurz hinter der Tür war eine Erhöhung. Eine gigantische, erhöhte Fläche, die sich durch die gesamte Halle zog, um genau zu sein. Dicht an dicht befanden sich stillstehende, horizontal-verlaufend, Laufbänder auf dieser Fläche. Links und rechts, am Ende der Halle, verschwanden die Laufbänder in Öffnungen an der Wand. Alles war nass und triefte. Offensichtlich gehörte ein Reinigungsvorgang zu dem Prozess. Mein Blick fiel auf unendlich viele Hochdruckstrahler, die sich an den Wänden befanden und bedrohlich auf das Laufbandmeer blickten. Plötzlich fingen die Laufbänder an sich zu bewegen. Ich hörte ein fernes Quängeln, das sich hundertfach duplizierte und schließlich durch die Wand auf den Laufbändern in Form von kleinen, nackten Säuglingen in die Halle transportiert wurde. Ich verstand nicht, was vor sich ging. Dann blickte ich nach oben. Eine riesige, tonnenschwere Platte war in die Decke eingefasst. Es handelte sich um eine riesige Pressanlage. Dann erklang ein lauter, metallischer Signalton. Irgendwo leuchtete ein dämonisches Auge.„

    Nach dem Gespräch verschrieb ich prophylaktisch ein Benzodiazepin. Ich halte den Traum jedoch für unbedenklich und Herrn Rheys Befürchtungen, eine seelische Abnormalie zu entwickeln, für übertrieben.

    A. Mendel

  3. #3
    Freysinn
    Gast

    AW: Die Nibelfragmente

    Das Schweigen Maries

    Kaspar Nibel fand sie im Feld liegend, ihr rotes Haar mit Rapsblüten beschmückt. Die langen Schatten der schaukelnden Stengel tanzten auf ihrem bleichem Gesicht. Zuerst dachte er, sie wäre eine Puppe, dann sie sei tot und am Ende war er sich gar nicht mehr sicher. Eigentlich sah sie ganz unversehrt aus. Keine erkennbaren Verletzungen. Doch ihre Haut war grau, ihre Pupille ein erstarrter, riesiger Kreis, der keinerlei Reaktionen auf die Sonne, die in das Spiel der Rapsstengel gelegentlich eintauchte und ihre Augen benetzte, mehr zeigte. Langsam näherte sich Nibels Daumen und Zeigefinger ihrem Hals um den Puls zu ertasten. Dann ruckte ihr Oberkörper auf. Er konnte seinen Herzschlag mit ihren lautlosen Atemzügen um die Wette rasen hören.

    Wortlos nahm sie die angebotene Wasserflasche und setzte sie an den Mund. Große Teile der Flüssigkeit rannen an ihren Mundwinkeln hinunter und blieben als vorrübergehende, dunkle Akzente auf ihrem weißen Sommerkleid haften. Sie trug ein verdrecktes Plastikbändchen am Arm, dass Nibel aus Krankenhäusern kannte. Identifizierbar war nur der Anfang: Marie.

    Er fragte Marie, wo sie her kam, was sie hier machte, ob es ihr gut ging, wie das Wetter wohl werden würde und ob sie ein Eis wollte. Auf keine Frage bekam er eine Antwort. Besorgt bückte er sich runter um ihr aufzuhelfen. Ihre riesigen Pupillen blickten durch ihn hindurch. Er zögerte. Schließlich erhob sie sich von alleine, machte sich nicht die Mühe ihr Kleid sauber zu klopfen und ging auf Nibel zu. Er wich aus und platzierte sich neben ihr, diktierte ihren Schritt, in dem er einpaar Meter vor ihr ging und führte sie so aus dem Rapsfeld hinaus auf die Landstraße.

    Der Asphalt deutete in die Ewigkeit und verlor sich im Horizont. Doch dieser Horizont war anders. Nibel kniff die Augen zusammen, erklärte Marie beiläufig, dass er nicht wisse, wo sein Auto ist, was nicht daran läge, dass er vergessen hätte, wo es stehen würde, sondern daran, dass es einfach nicht mehr da war, und fixierte den schwarzen Fleck, der an der Stelle, an der die Asphaltewigkeit verschwamm, zu kleben schien. Er wackelte mit dem Kopf hin und her. Doch der Fleck war scheinbar wirklich da und keine launische Spielerei seiner Sehnerven. Er zuckte leicht mit den Achseln und schlug Marie vor, die Landstraße entlang zu gehen, bis man auf eine Siedlung treffen würde. Ihr Schweigen, und dass sie ihm folgte, betrachtete er als Zustimmung. Er wählte die Richtung mit dem horizontalem Makel vermutlich nur aus Neugierde.

    Nach einer halben Stunde begann eine unbestimmbare Unruhe in Nibel zu enstehen. Marie schwieg noch immer. Die Straße schien endlos von Rapsfeldern umgeben zu sein. Keine Siedlung kündigte sich an und nicht ein einziges Auto war ihnen begegnet. Die einzige Veränderung, die gegenwärtig schien, war der Fleck. Er wuchs.

    Nach weiteren 5 Minuten fiel ihm ein Plastikkasten am Straßenrand auf. Als sie sich ihm weiter näherten, verwandelte er sich in eine Art Notfalltelefon. Nibel klappte den Verschluss hoch, nahm den Hörer ab und hielt ihn sich an sein Ohr. Sein Gesicht verzerrte sich und der Hörer baumelte in der Luft. Vorher ließ Nibel ihn fallen. Erneut griff er nach ihm. Diesmal hielt er die Hörmuschel nicht direkt an sein Ohr. Ein extrem lautes, schnelles, metallisches Klopfen, fast ein Hämmern, dröhnte aus dem Gerät. Nibel schrie Fragen und Aufforderungen in die Sprechöffnung, doch bewirkte nichts. Verwirrt hängte er den Hörer wieder auf, schloss die Klappe, blickte zu Marie – und vergaß zu atmen. Ihre Venen waren blau geworden. Er musterte sie besorgt, sie starrte vielleicht in Nibels Nasenlöcher oder in seinen grauen Bart. Es gab kein Anzeichen dafür, dass die Veränderungen an dem Mädchen irgendwelche Einflüsse auf ihre Verfassung hatten. Als Nibel sich wieder in Bewegung setzte, folgte sie ihm wortlos. Er ging ein wenig schneller, denn das metallische Klopfen war noch da. Die Entfernung zu ihr wuchs und sie stolperte manchmal – auf der Straße und in seinem Gewissen.

    Eine weitere halbe Stunde später war die Welt die gleiche geblieben. Nur der Raps schien ihm nun spottend mit seinen wankenden Windhälsen zu winken. Der Asphalt wirkte wie Sand unter seinen Füßen. Marie war gut 20 Meter hinter ihm. Die Distanz beruhigte ihn ein wenig. Doch ihre Füße schlürften über den Asphaltsand im Takt des metallischen Klopfens. Es war ein wenig lauter geworden. Der Fleck am Horizont war wieder gewachsen. Es fiel Nibel schwer zu sagen, ob er tatsächlich wuchs, oder er ihm einfach nur näher kam und sich so seine wahren Ausmaße offenbarten. Dann süßlicher Geruch. Er wich erschrocken zur Seite aus. Unbewusst war er stehen geblieben, als er über das Gebilde am Horizont nachdachte und Marie wäre fast gegen ihn gestoßen. Ihm wurde bewusst, dass er sie nicht ein einziges mal berührt hatte. Was am Anfang zufällig war, wurde nun zu einem inneren Trieb, der aus einer Art Furcht entstand. Ihr Schweigen und ihre merkwürdige körperliche Verfassung machten sie zu etwas Beängstigendem. Das er sie im Rapsfeld fast berührt hätte, jagte ihm eine Gänsehaut nach der anderen über den Körper. Er wich einige Meter zurück und blickte sie an. Ihre Haut war nun fleckig. Rot. Grün. Violett. Abstrakte Gelbtöne. Ihr Kleid war an einigen Stellen gerissen und Fäden hingen hinunter. Mittlerweile war er sich sicher, dass sie ihm nicht folgte. Sie ging auf ihn zu. Nibel rannte um einen größeren Abstand zu erzeugen. Nach einiger Zeit blieb er stehen und schnappte nach Luft. Er sah sie als eine kleine Miniatur hinter sich, hörte ihre schlürfenden Schritte und das stetig schwellende Metalhämmern folgte ihr.

    Allmählich fand er ein wenig Ruhe, sie war weit weg und erschien nun nur noch unwirklich. Nur eine Person in weiter Ferne. Der Fleck wurde immer größer. Mittlerweile reichte er weit in den Himmel und Nibel musste den Kopf in den Nacken legen, um seine Größe erfassen zu können. Er wusste, dass hier die Erlösung lauerte, dass Marie dort, an dieser Änderung im Gefüge der Wirklichkeit, keine Macht und keine schlürfenden Schritte mehr haben würde. Eine innere Ruhe durchfuhr ihn und er lächelte erleichtert.

    Er stand vor dem Fleck und seine Stimme überschlug sich panisch, während er sprachähnliche Zweifel gackerte. Er stand vor dem Fleck – und er versperrte den Weg. Die goldbekronten Rapsblüten wiegten im Wind. Nibel kauerte sich zusammen, lehnte sich gegen die Wand aus Schwärze, er spürte dabei keinen konkreten Widerstand, aber fiel auch nicht nach hinten. Schlürfende Schritte, und immer dieses metallische Schreien der Hämmer. Ihre Haut löste sich, ihr Gesicht umwehte die Unwirklichkeit eines Grinsens. Doch er wusste, sie lächelte nicht. Das waren bloss die Gesichtsmuskeln, die sich anspannten und in Starre verfielen. Ihr Kleid verlor alle Stofflichkeit, löste sich auf. Sie war nackt. Ihr Körper schien wie bunt angemalt. Vom Schnitter selbst mit Fingerfarben verziert. Cadaverin kroch in seine Nase. Auf seinem Schoß saß die nackte Marie. Sie beugte sich zu ihm..

    Kaspar Nibel fand sich im Feld liegend, sein graues Haar mit Rapsblüten beschmückt. Er stand auf, trocknete seine Stirn mit einem Tuch. Er fand seinen Wagen am Straßenrand. Als er den Platz verließ und dem stotterndem Motor lauschte, bemerkte er ein metallenes, klopfendes Geräusch. Es wird lauter werden.

    Das ohrenbetäubende Klopfen der pulsierenden Magnetfelder hämmerte in seinem Kopf. Das MRT-Gerät schien ihm wie ein riesiger Verstärker, der direkt an seine Knochen angeschlossen war und einen martialischen Beat in sein Gebein zwang. Die Wände des Gerätes schienen näher zu kommen. Doch die Neuroleptika unterdrückten einen Anfall. Ein Mann in Weiß beobachtete einen Monitor. Auf ihm sah man Nibels Gehirn in feinen Scheiben. Zuerst war da nur ein kleiner Fleck, doch er wuchs mit jeder weiteren Schicht, bis eine beachtliche Schwärze, groß wie ein Tischtennisball, in Nibels Gehirn erkennbar war.

  4. #4
    Freysinn
    Gast

    AW: Die Nibelfragmente

    Die Asche Satyrevs

    Der Gang floh in die Ferne. Über ihm vergittertes, liniengebundenes Neonlicht, dass sich nicht ausbreitete, sondern einfach da war. Ein wackelnder Schatten am Boden kroch die nassen Fliesen entlang. In einigen Fugen blühten gebrochene Fingernägel. Der Schatten rempelte ihn an, floh nach hinten, folgte seinem Blick, seinem zur Seite geworfenen Kopf und hängte sich an den entstehenden Körper eines Pflegers, dessen Name unaussprechlich für seine tranquilizierte Zunge schien. Fasziniert beobachtete er die zerriebenen, körnigen Senfflecken auf dem baumelnden Plastikschildchen am Hemd des Schattenhörigen. Schatten und Nachgeburt krochen mit schlürfenden Schritten an ihm vorbei. Ein schwerer Schlüsselbund jaulte metallisch und entmaterialisierte das Gefühl der gewohnten Endgültigkeit einer der vielen Sicherheitstüren. Dahinter brach die Welt sich. Ein samtiger Teppichboden zischte elektrisch bei jedem Schritt, den er mit maximalen Bodenkontakt seiner Pantoffeln durch die Gänge trieb. Sanftes Licht an den Wänden. Sein Kopf gelangte an eine große Eichentür und er schmiegte ihn, mit geschlossenen Augen, dagegen. Er ignorierte die metallische Frevelaufschrift „Direktorat der Fachklinik für Psychiatrie, Neurologie und Rehabilitation“, zog die hölzerne Luft tief durch seine Nüstern ein und lauschte. Leises Rascheln. Wie fallender Sand. Das antike Holz arbeitete an seinem Zerfall. Die Fassade trug das Kainsmal restaurativer Leichenwäsche.

    Das Holz änderte knarrend die Perspektive, offenbarte einen visuellen und auditiven Riss im Gefüge. Sein Blick fiel auf einen langen Tisch, der mit einer verziert-bestickten Tischdecke verkleidet war. Sein Ohr ertastete Beethovens Violinsonate Nr. 9, die sich im zweiten Satz durch die drückende, dritte f-Moll Variation fraß und irgendwie eine unpassende Atmosphäre auf den Dinnersaal warf. Eine Legion von Kerzen exerzierte bewegungslos auf dem Tisch, ersehnte den Ritt der Walküren und geißelte das Besteck, heftete zerfetztes Leuchten gegen das spiegelnde Meißener Porzellan. Es war für 7 Personen gedeckt, am Tisch saß jedoch nur ein alter Mann im Nadelstreifenanzug. Der Anzug nickte ihm zu und Direktor Nibel, der aus dem Kragen hinaus perlte, unterstrich die Aufforderung sich zu setzen mit einer Metamorphose der Mundwinkel, die nun an die Decke flohen. Ungehorsam warf er seinen Blick in die entgegen gesetzte Richtung und studierte das geräuschlose Parkett. Eine Pfütze Licht blubberte am Boden. Sirup artig platschten einzelne Tropfen davon aufwärts und blieben an einem Kronleuchter, an den flackernden Flammen, die einem Wachsphallus Kollektiv hörig waren, klebten. Der Raum räusperte sich und er kam der wiederholten Aufforderung des Nebels nach und setzte sich auf den Platz, der durch einem Papierkärtchen, dass die Aufschrift „SATYREV RHEY“ trug, gebunden schien. Wie einem unausgesprochenem Kommando folgend, betraten zwei weibliche Insassen in eleganten Abendkleidern, Barfuß, mit stolpernden Schritten und rasenden Augen, den Raum. Die Unbekannte setzte sich neben ihn. Die Andere, deren Namen er kannte und den er gelegentlich durch die glitschige Abendluft des Hofganges trieb, setzte sich neben Direktor Nibel. Er betrachtete sie, wie die Fingernägel ihrer linken Hand den rechten Pulsträger unruhig malträtierten und ihre asperger-geläuterten Augen verzweifelt versuchten die des Direktor, der sie lächelnd quälte, zu fixieren. Jedes mal, wenn ihre schwindende Konzentration sie zwang, ihren Blick von dem Seinen zu nehmen, pfiff er ihren Namen durch seine Lippen, in der Weise wie man „Bobba“ zu Frauen oder „Drecksvieh“ zu Hunden sagte. Auch wenn er nichts fühlte, weil sein Geist, medikamentös sediert, betäubt an seinen Hirnlappen klebte, verspürte er den albernen Wunsch diesem Mädchen alle Ängste zu nehmen. Seine angedachte Sitzpartnerin verschwand nun endgültig in der augenwinkeligen Bedeutungslosigkeit und auch der berechnend turtelnde Professor mit der Autistin an seiner Seite verschwamm, als einige Tabletts mit der Vorspeise, in Form einer Lauchsuppe, durch die Luft tänzelten, sich auf den Tisch fallen ließen und dann mit den Statisten, die irgendetwas, was er nicht verstand, mit dem Erscheinen der Vorspeise zu tun hatten, wieder verschwanden. Nun legte sich eine akustische Pause, die eigentlich keine war, weil sie von minimalem Besteck Geklirre und Schlürflauten boykottiert wurde, über den Raum. Aber für ihn war es nun still. Während er seine Suppe anstarrte, die einzelnen Ingredenzien studierte und in sich hinein hörte. Leises Rascheln. Wie fallender Sand. Er sah eine Sanduhr mit milchigem Glas auf einem Sekretär stehen. Asche war darin. „SATYREV RHEY“ stand da drauf, auf einer Plakette, wie man in die Akte einer Leiche „tot“ oder auf das bändelne Kärtchen einer Schreibmaschine „defekt“ schreibt. Das Rascheln aschte. Je mehr er der Sanduhr bei ihrem Prozess zuschaute, desto lauter wurde das Geräusch. Es schwoll an, bis es klang wie ein Wasserfall, der über einem selbst, oder über der Hölle oder der Höhle, in der man steht, hernieder fährt. Und es wurde noch lauter. Er legte sich die Hände auf die Ohren. Immer lauter und lauter und dann:

    „Es ist ein regnerischer Herbst, Satyrev.“ Der Direktor blickte ihn an, als würde es Satyrevs Asche nicht geben. Also hörte er sich selber sagen: „Davon weiß ich nichts“. Nibels Augenbrauen tänzelten skeptisch hin und her. „Sie haben täglich eine Stunde Hofgang. Wie können Sie davon nichts wissen?“ „Ja“, sprach er resignativ. „Hofgang“, wie schalen Wein. „Manchmal war wohl Wind da, weil meine Wangen gerötet und taub sind. Manchmal war wohl Regen da, weil meine Haut glänzt und mein Handtuch später wie etwas riecht, dass nass geworden ist. Das muss wohl Regen sein.“Der Direktor räusperte sich zornig. „Ihre unkooperative Haltung, was die Fokussierung einer wirklichkeits-konformen Wahrnehmung der Existenz angeht, behindert ihre Resozialisierung maßgeblich. Sie müssen endlich akzeptieren, dass die Kausalität der Ereignisse nicht mit dem Gegensätzlichen, nicht mit dem Ende der Kette beginnt, sondern damit aufhört.“ Mittlerweile aßen sie Fleisch, er jedoch suchte an einem Knochen nach Huhn. Es saßen nur noch zwei gesichtslose Abendkleider mit am Tisch. Das eine wehrte sich mit Schmatzgeräuschen gegen seine Augenwinkelabtreibung. Das Andere hatte sich den Puls rot gekratzt. „Ich denke, die Richtung spielt keine große Rolle. Es scheint mir keinen Sinn zu machen. Fokussierung sagten sie. Ja. Das ist ein gutes Wort. Wenn ich das eine Ende einer Sache fokussiere, dann scheint sie der Ursprung zu sein. Blicke ich die Andere an, dann gilt das Selbe. Manche Dinge hören wir gar nicht, vielleicht weil wir den visuellen Nachgeschmack, den sie erzeugen, nicht auf unseren Sehnerven spüren wollen. Hören sie denn nicht dieses Rascheln? Wie es auf den Boden prasselt? Es ist Asche, Nibel. Asche. Zu mindestens würden sie das sagen. Asche, die raschelt, Nibel. Ascherascheln. Für mich ist es Rascheln, das Asche erzeugt. Es ist die Zeit selbst, Nibel. Zeit. Meine Zeit. Ich fließe. Ist Ihnen das aufgefallen, Nibel? „Fließt“ ist das Zufall? Hieß ich überhaupt so? Das letzte Rascheln formt sich zur Asche. Letzten November. Weißt du noch, Nibel?“

    Er suchte in seinem Huhn nach Knochen. Fand jedoch nichts, was sich zum Ersticken eignete. Die Tür öffnete sich und Licht fiel hinein. Vielleicht öffnete Lichtdrang auch die Tür. Er lachte. Ein Pfleger mit einem unaussprechlich senfkörnigem Namen, der an seinem Hemd baumelte, der einem die Zunge tranquilizierte, blickte den alten Direktor a. D. in seiner kleinen Zelle an. Wie er etwas anblickte, dass nicht da war. Wie er „Bobba“ und „Drecksvieh“ aussprach, als wollte er zärtlich einen Namen sagen, weil er keinen Knochen fand in dem Huhn. Und er hörte, wie ein stetiges Rascheln Satyrevs Asche erzeugte.

  5. #5
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    AW: Die Nibelfragmente

    Hobbies?
    Kein Geld für ein Tagebuch?
    Angst vorm Überwachungsstaat, dass du kein Worddokument anlegst?

    Fellatio Shizzlemah!!

  6. #6
    Freysinn
    Gast

    AW: Die Nibelfragmente

    doch, nein, nein

    freut mich geholfen haben täten zu können... *g*

 

 

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