1. #1
    Meischukmeilech
    Gast

    Das Schweigen Maries

    liegt schon länger rum... ich hadere noch immer ein wenig damit, aber ich poste es einfach mal, auch wenn noch dran geschraubt wird...


    Das Schweigen Maries



    Kaspar Nibel fand sie im Feld liegend, ihr rotes Haar mit Rapsblüten beschmückt. Die langen Schatten der schaukelnden Stengel tanzten auf ihrem bleichem Gesicht. Zuerst dachte er, sie wäre eine Puppe, dann sie sei tot und am Ende war er sich gar nicht mehr sicher. Eigentlich sah sie ganz unversehrt aus. Keine erkennbaren Verletzungen. Doch ihre Haut war grau, ihre Pupille ein erstarrter, riesiger Kreis, der keinerlei Reaktionen auf die Sonne, die in das Spiel der Rapsstengel gelegentlich eintauchte und ihre Augen benetzte, mehr zeigte. Langsam näherte sich Nibels Daumen und Zeigefinger ihrem Hals um den Puls zu ertasten. Dann ruckte ihr Oberkörper auf. Er konnte seinen Herzschlag mit ihren lautlosen Atemzügen um die Wette rasen hören.

    Wortlos nahm sie die angebotene Wasserflasche und setzte sie an den Mund. Große Teile der Flüssigkeit rannen an ihren Mundwinkeln hinunter und blieben als vorrübergehende, dunkle Akzente auf ihrem weißen Sommerkleid haften. Sie trug ein verdrecktes Plastikbändchen am Arm, dass Nibel aus Krankenhäusern kannte. Identifizierbar war nur der Anfang: Marie.

    Er fragte Marie, wo sie her kam, was sie hier machte, ob es ihr gut ging, wie das Wetter wohl werden würde und ob sie ein Eis wollte. Auf keine Frage bekam er eine Antwort. Besorgt bückte er sich runter um ihr aufzuhelfen. Ihre riesigen Pupillen blickten durch ihn hindurch. Er zögerte. Schließlich erhob sie sich von alleine, machte sich nicht die Mühe ihr Kleid sauber zu klopfen und ging auf Nibel zu. Er wich aus und platzierte sich neben ihr, diktierte ihren Schritt, in dem er einpaar Meter vor ihr ging und führte sie so aus dem Rapsfeld hinaus auf die Landstraße.

    Der Asphalt deutete in die Ewigkeit und verlor sich im Horizont. Doch dieser Horizont war anders. Nibel kniff die Augen zusammen, erklärte Marie beiläufig, dass er nicht wisse, wo sein Auto ist, was nicht daran läge, dass er vergessen hätte, wo es stehen würde, sondern daran, dass es einfach nicht mehr da war, und fixierte den schwarzen Fleck, der an der Stelle, an der die Asphaltewigkeit verschwamm, zu kleben schien. Er wackelte mit dem Kopf hin und her. Doch der Fleck war scheinbar wirklich da und keine launische Spielerei seiner Sehnerven. Er zuckte leicht mit den Achseln und schlug Marie vor, die Landstraße entlang zu gehen, bis man auf eine Siedlung treffen würde. Ihr Schweigen, und dass sie ihm folgte, betrachtete er als Zustimmung. Er wählte die Richtung mit dem horizontalem Makel vermutlich nur aus Neugierde.

    Nach einer halben Stunde begann eine unbestimmbare Unruhe in Nibel zu enstehen. Marie schwieg noch immer. Die Straße schien endlos von Rapsfeldern umgeben zu sein. Keine Siedlung kündigte sich an und nicht ein einziges Auto war ihnen begegnet. Die einzige Veränderung, die gegenwärtig schien, war der Fleck. Er wuchs.

    Nach weiteren 5 Minuten fiel ihm ein Plastikkasten am Straßenrand auf. Als sie sich ihm weiter näherten, verwandelte er sich in eine Art Notfalltelefon. Nibel klappte den Verschluss hoch, nahm den Hörer ab und hielt ihn sich an sein Ohr. Sein Gesicht verzerrte sich und der Hörer baumelte in der Luft. Vorher ließ Nibel ihn fallen. Erneut griff er nach ihm. Diesmal hielt er die Hörmuschel nicht direkt an sein Ohr. Ein extrem lautes, schnelles, metallisches Klopfen, fast ein Hämmern, dröhnte aus dem Gerät. Nibel schrie Fragen und Aufforderungen in die Sprechöffnung, doch bewirkte nichts. Verwirrt hängte er den Hörer wieder auf, schloss die Klappe, blickte zu Marie - und vergaß zu atmen. Ihre Venen waren blau geworden. Er musterte sie besorgt, sie starrte vielleicht in Nibels Nasenlöcher oder in seinen grauen Bart. Es gab kein Anzeichen dafür, dass die Veränderungen an dem Mädchen irgendwelche Einflüsse auf ihre Verfassung hatten. Als Nibel sich wieder in Bewegung setzte, folgte sie ihm wortlos. Er ging ein wenig schneller, denn das metallische Klopfen war noch da. Die Entfernung zu ihr wuchs und sie stolperte manchmal – auf der Straße und in seinem Gewissen.

    Eine weitere halbe Stunde später war die Welt die gleiche geblieben. Nur der Raps schien ihm nun spottend mit seinen wankenden Windhälsen zu winken. Der Asphalt wirkte wie Sand unter seinen Füßen. Marie war gut 20 Meter hinter ihm. Die Distanz beruhigte ihn ein wenig. Doch ihre Füße schlürften über den Asphaltsand im Takt des metallischen Klopfens. Es war ein wenig lauter geworden. Der Fleck am Horizont war wieder gewachsen. Es fiel Nibel schwer zu sagen, ob er tatsächlich wuchs, oder er ihm einfach nur näher kam und sich so seine wahren Ausmaße offenbarten. Dann süßlicher Geruch. Er wich erschrocken zur Seite aus. Unbewusst war er stehen geblieben, als er über das Gebilde am Horizont nachdachte und Marie wäre fast gegen ihn gestoßen. Ihm wurde bewusst, dass er sie nicht ein einziges mal berührt hatte. Was am Anfang zufällig war, wurde nun zu einem inneren Trieb, der aus einer Art Furcht entstand. Ihr Schweigen und ihre merkwürdige körperliche Verfassung machten sie zu etwas Beängstigendem. Das er sie im Rapsfeld fast berührt hätte, jagte ihm eine Gänsehaut nach der anderen über den Körper. Er wich einige Meter zurück und blickte sie an. Ihre Haut war nun fleckig. Rot. Grün. Violett. Abstrakte Gelbtöne. Ihr Kleid war an einigen Stellen gerissen und Fäden hingen hinunter. Mittlerweile war er sich sicher, dass sie ihm nicht folgte. Sie ging auf ihn zu. Nibel rannte um einen größeren Abstand zu erzeugen. Nach einiger Zeit blieb er stehen und schnappte nach Luft. Er sah sie als eine kleine Miniatur hinter sich, hörte ihre schlürfenden Schritte und das stetig schwellende Metalhämmern folgte ihr.

    Allmählich fand er ein wenig Ruhe, sie war weit weg und erschien nun nur noch unwirklich. Nur eine Person in weiter Ferne. Der Fleck wurde immer größer. Mittlerweile reichte er weit in den Himmel und Nibel musste den Kopf in den Nacken legen, um seine Größe erfassen zu können. Er wusste, dass hier die Erlösung lauerte, dass Marie dort, an dieser Änderung im Gefüge der Wirklichkeit, keine Macht und keine schlürfenden Schritte mehr haben würde. Eine innere Ruhe durchfuhr ihn und er lächelte erleichtert.

    Er stand vor dem Fleck und seine Stimme überschlug sich panisch, während er sprachähnliche Zweifel gackerte. Er stand vor dem Fleck - und er versperrte den Weg. Die goldbekronten Rapsblüten wiegten im Wind. Nibel kauerte sich zusammen, lehnte sich gegen die Wand aus Schwärze, er spürte dabei keinen konkreten Widerstand, aber fiel auch nicht nach hinten. Schlürfende Schritte, und immer dieses metallische Schreien der Hämmer. Ihre Haut löste sich, ihr Gesicht umwehte die Unwirklichkeit eines Grinsens. Doch er wusste, sie lächelte nicht. Das waren bloss die Gesichtsmuskeln, die sich anspannten und in Starre verfielen. Ihr Kleid verlor alle Stofflichkeit, löste sich auf. Sie war nackt. Ihr Körper schien wie bunt angemalt. Vom Schnitter selbst mit Fingerfarben verziert. Cadaverin kroch in seine Nase. Auf seinem Schoß saß die nackte Marie. Sie beugte sich zu ihm..

    Kaspar Nibel fand sich im Feld liegend, sein graues Haar mit Rapsblüten beschmückt. Er stand auf, trocknete seine Stirn mit einem Tuch. Er fand seinen Wagen am Straßenrand. Als er den Platz verließ und dem stotterndem Motor lauschte, bemerkte er ein metallenes, klopfendes Geräusch. Es wird lauter werden.

    Das ohrenbetäubende Klopfen der pulsierenden Magnetfelder hämmerte in seinem Kopf. Das MRT-Gerät schien ihm wie ein riesiger Verstärker, der direkt an seine Knochen angeschlossen war und einen martialischen Beat in sein Gebein zwang. Die Wände des Gerätes schienen näher zu kommen. Doch die Neuroleptika unterdrückten einen Anfall. Ein Mann in Weiß beobachtete einen Monitor. Auf ihm sah man Nibels Gehirn in feinen Scheiben. Zuerst war da nur ein kleiner Fleck, doch er wuchs mit jeder weiteren Schicht, bis eine beachtliche Schwärze, groß wie ein Tischtennisball, in Nibels Gehirn erkennbar war.
    Geändert von Meischukmeilech (19.04.2009 um 11:06 Uhr)

  2. #2
    fairliebt
    Gast

    AW: Das Schweigen Maries

    Wooooooooow. In der Mitte hab ich Gänsehaut bekommen :O
    Und ich find die Überschrift sehr passend

  3. #3
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Das Schweigen Maries

    wenn ich jetzt mathematisch ausrechnen würde, was die Mitte des Textes ist, käme bestimmt iiirgend ne total langweilige Stelle raus... *g*

    Eigentlich hieß es ja Maries Schweigen, was irgendwie charmanter gewesen war, wegen so knackig kurz, aber da es mit der Kurzgeschichte "Die Asche Satyrevs" verbunden ist, fühlte ich mich genötigt die Überschriften von der Systematik her anzugleichen... kp warum... gott ist das uninteressant, was ich grade erzähle...

  4. #4
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    AW: Das Schweigen Maries

    Arte - Kurzfilm

  5. #5
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Das Schweigen Maries

    jetzt wo dus sagst... könnt klappen... besonders diese zeitsprünge hätten etwas arte-eskes, wenn man sie richtig schön hart ohne Blende und alles setzen würde... *g*... leider ist mein Draht zu der Muthesius Kunsthochschule verschwindend gering....

  6. #6
    Neuling
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    AW: Das Schweigen Maries

    Mh ganz gut geschrieben.Wirklich Ich denke mit "Mitte" meinte Sie den Teil,als er diese leichte Panik wegen ihr bekommt.Teilweise wirklich Gänsehaut pur.Weiter so

  7. #7
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Das Schweigen Maries

    achso... ja ok... stimmt... is ja auch die einzige etwas aufbrausende Stelle... der rest ist eher so unterschwellig....

    weiter so.. hmpf... eigentlich wollt ich ganz spontan mitm schreiben aufhören (jessika wollt das...), aber okeeee überredet..

  8. #8
    Neuling
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    AW: Das Schweigen Maries

    Klasse.Dann viel Glück dabei!

  9. #9
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    AW: Das Schweigen Maries

    And the winner üüüüüs: Butterblume!

  10. #10
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    AW: Das Schweigen Maries

    irgendwie erinnert mich der stil an alte poenlische geschichten aus dem 19.jhrt.
    .



  11. #11
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Das Schweigen Maries

    kommt mirs nur so vor... oder hast du sowas ähnliches schon mal gesagt? oder wars dein siamesischer Drilling Lang zu? *g*... aber ich find den Vergleich, auch hier, irgendwie unpassend... das einzige, was es leicht teilt, ist das Genre...

  12. #12
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    AW: Das Schweigen Maries

    lol - ich hatte grad einen dieser alten threads gelesen.
    die erzählungsweise erinnert mich trotzdem an ein buch mit geschichten, die von Andersen, Goethe, Schiller bis eben Poe stammten.
    und ich seh grad, ich hab mich da oben erheblich vertippt und einiges, was ich schreiben wollt vergessen. na ja ... drei std mt-chat -
    aber egal - ich meint nicht, dass du wie dieser oder jener oder der schreibst, sondern, dass irgendwie die zeit, in der diese stories entstanden, aus aus deinem text für mich so rüberkommt. das macht das räumliche, in deiner geschichte, denk ich.
    .



  13. #13
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Das Schweigen Maries

    Zitat Zitat von Griffith Beitrag anzeigen
    ... sondern, dass irgendwie die zeit, in der diese stories entstanden, aus aus deinem text für mich so rüberkommt. das macht das räumliche, in deiner geschichte, denk ich.
    formuliers nochmal um... grad weiss ich überhaupt nicht, was du damit sagen willst... *g*

  14. #14
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    AW: Das Schweigen Maries

    das würd mich wundern. die art wie du die dinge beschreibst ist mit (zeit)räumlich gemeint. passt zum damalig zeitgeist, der aber iwie zeitlos ist, find ich. kommt mir nun mal so vor. plastischer kann ichs nicht beschreiben. wir emos knutschen eben die bäume, können aber nicht wirklich sagen warum. aber ich hab mal deine geschichte ausgedruckt, den einband von dem o erw buch auseinander genommen, deine geschichte zu denen der anderen meister neu miteingebunden.

    btw: vwg drilling. ist eher anders rum.
    .



  15. #15
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Das Schweigen Maries

    Zitat Zitat von Griffith Beitrag anzeigen
    das würd mich wundern. die art wie du die dinge beschreibst ist mit (zeit)räumlich gemeint. passt zum damalig zeitgeist, der aber iwie zeitlos ist, find ich. kommt mir nun mal so vor. plastischer kann ichs nicht beschreiben. wir emos knutschen eben die bäume, können aber nicht wirklich sagen warum.
    ah... okay... so hab ichs verstanden... *g*

 

 
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