1. #1
    Meischukmeilech
    Gast

    Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    Hier mal nen Ausschnitt aus nem etwas größeren Projekt...

    Die Chronik Kiels

    Oder die heldenhafte Mar über jene epische Begebenheit, wie eine Schar Kieler Penner versuchte die Welt zu erretten.

    Eine einsame Taube löste sich aus den steinernden Nischen des Rathausturmes der Stadt Kiel und suhlte sich flatternd in dem majestätischen Lichtmantel, der das Gebäude nächtens umgab. Der durchschnittliche Kieler machte sich nicht viele Gedanken um diese belichtete Besonderheit. Niemand schien ernsthaft darüber nachzudenken wie der Umstand, dass der Turm bei Nacht gespenstisch bestrahlt wurde, zu Stande kam. Die Menschen dachten nicht gerne skeptisch über Dinge nach, die nicht aus einem Selbstverständnis heraus merkwürdig erschienen. Ein Lichtstrahl wurde ausgelöst von einer Lampe. Fertig. Ein besonders großer Lichtstrahl, der einen riesigen Rathausturm umwölbte, war demnach einfach durch einen besonders großen Scheinwerfer entstanden. Der Umstand, dass Nirgendwo um das Rathaus herum derartige Vorrichtungen aufzufinden waren, störte scheinbar Niemanden im Geringsten. Wunder werden in der Regel nur als solche erkannt, wenn sie als Ganzes die Eigenschaft des Unmöglichen in sich tragen. Dabei ist ein Wunder auch etwas, das auf normale Weise passieren könnte, aber dies eben nicht tut. Jeden Tag kratzen sich Menschen nachdenklich am Kopf, weil diverse Dinge ihren ursprünglichen Platz verließen und harmonisch fehlplatziert auf Kommoden, in Schuhen oder in sonstigen Klassikern der Welt der metaphysischer Fundgruben verlorerener Gegenstände wieder auftauchten. Jedesmal nimmt er es achselzuckend zur Kenntnis und glaubt, dass Irgendjemand zu diesem Umstand geführt haben muss. Auch wenn das schlichtweg aus Mangel an Darstellern im Schauspiel der Alltäglichkeiten nicht möglich ist. Derartige Denkweisen häufen sich im Menschen. Man kann den Kieler an sich nicht direkt mit dem Stereotypen Mensch vergleichen. Er war eher so etwas wie der miesgelaunte, griesgrämige, nahe Verwandte. Es gibt soviele klischeehafte Vorurteile über den norddeutschen Flachlandbewohner im allgemeinen, und alle scheinen ihre Wurzel und Daseinsberechtigung in Kiel zu finden.
    Erneut glitt die Taube aus der umliegenden Dunkelheit durch den Lichtstrahl und glühte würdevoll. Der Rathausturm erhielt durch seine Beleuchtung eine gewisse Erhabenheit. In durchschnittlichen Städten war dies etwas gutes. Es schmiegte sich für gewöhnlich an die Gegenwart anderer Erhabenheiten an und bildete dadurch etwas, das flanierende Touristen mit primitiven Urlauten wie „Uh“ und „Ah“ zu würdigen wussten. In Kiel erzeugte die Erhabenheit des monolithären Turmes allerdings eher etwas wie einen peinlichen Kontrast. Es lag an dem schlichten Umstand, dass Kiel furchtbar hässlich war. Hässlichkeit ließ sich ertragen, wenn man nicht durch peinliche Akzente der Schönheit auf die allgemeine Unansehnlichkeit des Restes hingewiesen wurde. Der Rathausturm stellte also den tadelnden Zeigefinger der Ästhetik dar, der hochmütig das Kollektiv der architektonsichen Krüppeligkeit Kiels verspottete. Man muss sich Kiel als eine Krankheit vorstellen, die sich jede Nacht selbst heilt. Die Finsternis verzieh ihren hässlichen Kindern. Nachts hatte die Stadt sogar einen gewissen Charme. Das maritime Flair bestrich sie mit einem Hauch von Wehmut. Es gibt ein altes Sprichwort, das schätzungsweise Legionen von hässlichen Städten für sich selbst beanspruchten, aber für keine Stadt wirkte es so passend, wie für Kiel: „Kiel bringt einem zweimal zum Weinen. Einmal, wenn man zum ersten Mal dorthin kommt, und einmal, wenn man wieder gehen muss.“ Es gab sogar Leute, die gerne hier lebten, auch wenn sie die Frage nach dem „Warum?“ nicht wirklich beantworten konnten. Den Meisten ging es nach dieser Frage vermutlich so, wie einem Mann, der sich morgens im Bett einer hässlichen Frau wieder fand und zwanghaft nachsann, warum er hier war, während er parallel die Entscheidung traf, sich noch eine Weile liebevoll an sie zu schmiegen.
    Die Taube hatte sich dem Hafen genähert und erspähte ein bewegliches Ziel, dass sie nun mit weißen Akzenten zu verschönern versuchte. Sie wäre vermutlich stolz auf sich gewesen (wenn Vögel soetwas empfinden würden), denn sie war eine Meisterin im Zielschiessen. Unzählige der hampelnden Bohnenstangen hatte sie schon auf diese Weise behandelt und freudige Reaktionen in Form von winkenden Fäusten und ´´Scheißää´´ Gesängen erhalten. Doch diesmal musste sie enttäuscht abdrehen (sofern Vögel soetwas wie Enttäuschung empfänden), denn sie traf die Gestalt nicht. Im letzten Moment war sie einen Schritt zur Seite getorkelt. Die Taube zog noch einen kurzen Kreis übers Wasser und nutzte eine Meeresböe um zurück zum tadelnden Zeigefinger Kiels zu steuern.

    Platsch. "Wie Platsch?". Er drehte sich zur Seite und betrachtete den Verursacher des akkustischen Phänomens, dass einfallslose Schreiber in der Regel mit einem plumpen Platsch rhetorisch zu manifestieren versuchten. Als Obdachloser hatte er Legionen von Vögeln scheissen sehen. Aber dies war das erste Mal, dass es von einer derartig eindrucksvollen, klanglichen Untermalung begleitet wurde. "Was´n riesiger Kackehaufen" lallte er lyrisch, nahm einen tiefen Schluck aus seinem tetragepackten Perlwein und nickte bewundernd. Er fand, es sah irgendwie bedeutungsschwanger aus. Also holte er seinen Notizblock - einen seiner wenigen Habseeligkeiten, die er bei sich trug, weil er sich für schriftstellerisch begabt hielt - und einen Stift hervor und versuchte dieses Meisterwerk animalischen Expressionismuses festzuhalten. Eigentlich war es hauptsächlich eine abstrakte Gitterform. Doch er genehmigte sich eine handvoll künstlerische Freiheit und fand, dass es sehr einem Einkaufswagen ähnelte, wodurch seine Zeichnung ebenfalls in diese Richtung tendierte. Zufrieden nickte er sein Ergebnis ab. Wie vielseitig begabt er doch war. Nun also auch ein Maler. Wenn man die Poträitzeichnung eines Menschens neben ein Strichmännchen legen würde, dann fände sich seine Darstellung des Drahtgestells vermutlich auf der qualitativen Ebene des Strichmännchens wieder. Aber sein mangelnder Sinn für Kunst und der selbstüberschätzende Einfluss des Alkohols widersprachen jeglicher realitätsnahen Einschätzung. Über ihm krächzten einige Möwen gegen den Wind an. Sie kreuzten verdächtigt oft über seinen Kopf. Die Erinnerung formte ein Platsch, dass (wie für Erinnerungen üblich ist) künstlich in seinem Gedächtnis erzeugt eher dem Geräusch der Wasserbombe eines besonders fetten Jungen in einem Freibad glich. Er strich sich durch die in alle Richtungen abstehenden Haare und machte sich (für alle nicht-vorhandenen Beobachter seiner Gedankengänge unverständlicherweise) Sorgen um den fortbestand seiner Frisur. Wenn das Schicksal winken konnte, ruderte es grade wild mit den Armen. Dadurch hätte es vermutlich auch den Windzug erzeugen können, der eine alte, etwas demoliert aussehende, Kapitänsmütze gegen den, ebenfalls demoliert anmutenden, Schuh des autodidakten Straßenkünstlers wehte. Er ergriff sie und setzte sie sich schwungvoll auf. Sein Gesicht schnitt eine etwas pikierte Grimasse. Die Mütze verließ wieder den gemütlichen Kopf, schüttelte sich einpaar mal bis eine plattgetretene Coladose hinausfiel und nahm wieder die gemütliche, hauptwärmende Haltung an. Zufriedenes Nicken. Nun sah er aus wie ein Kapitän. Das erinnerte ihn daran, dass er sich nicht erinnerte. Also an seinen Namen. Man brauchte als Penner nicht zwingend einen. Es konnte in Gesprächen ganz nützlich sein, aber die anderen Penner vergaßen ihn eh wieder innerhalb eines 24-Stunden-Lebens. Die Gespräche mit normalen Menschen bedarfen solcher Wertschätzungen wie Namen nicht. Penner erfüllten auf eine Weise, die sie selber nicht wirklich verstanden, automatisch die Erwartungen der Gesellschaft und sprachen in Gegenwart von normalen Menschen nur noch kryptisches Gestammel. Letztens wollte er eine Dame darauf hinweisen, dass ihre Geldbörse herunter gefallen ist. Aus irgendeinem Grund fragte er sie beim ersten Anlauf, ob sie einen Affen kaufen wolle. Der zweite Versuch endete darin, dass er verkündete, dass „die alte Krone Zacken bellt“. Es endete, wie so oft, damit, dass er kommunikativ gescheitert, aber mit einigen Mitleidsgroschen mehr in der Hand, von dannen zog.
    Er brauchte einen Namen also nicht wirklich, fand aber, dass seine Ankunft in einer neuen Stadt und Heimat ebenfalls durch einen neuen Namen gewürdigt werden müsse. Er schob sich die Mütze verwegen ins Gesicht und beschloß ab heute „Kapitän“ zu heißen.
    Vor einigen Stunden war er am Kieler Hauptbahnhof angekommen. Ursprünglich lebte er in Berlin, fand aber nach einem kultivierten Gespräch mit Friesengeist-Norbert, der früher angeblich auf einer Nordsee-Hallicht ein angesehner Geschäftsmann mit einem eigenen Tante Emma Laden war (bis er merkte, dass sowas auf einer Insel mit 10 Bewohnern nicht viel Sinn macht), dass Kiel ein durchaus verlockender Ort für einen Penner sein könnte. Friesengeist-Norberts Ausführungen beschränkten sich hauptsächlich darauf, wieviele halbleere Buddeln Schnaps achtlos von Betrunkenen auf der Kieler Woche weggeworfen wurden. Die Kieler Woche war angeblich eine Art Volksfest, bei dem es angeblich irgendwie um Boote und Segeln geht (was aber die beiden Penner sowie die meisten betrunkenen Besucher nicht wirklich interessierte). Das Klang geradezu paradisisch in den Ohren des Kapitäns. Also setzte er sich in den erstbesten Zug nach Kiel. Seine Reise dauerte 4 Tage. Das ist in Pennerkreisen eine beachtliche Leistung. Penner reisten immer kostenlos, bloss furchtbar langsam.

  2. #2
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    (Zeichensperrgründlich fortgesetzt)

    Man wird in der Regel alle 20 Minuten von einem aufmerksamen Bahnmitarbeiter gesondert nach seinem Fahrausweis gefragt, wenn man Schnaps aus einer Flasche, die zärtlich von braunen Papiertüte umschmeichelt wird (was ein weiteres Pennerklischee ist, das aus purer definitionsautoritärer Selbstverständlichkeit in den Penner-Kodex aufgenommen wurde), mit sich trägt. Nachdem man die Frage mit einem freundlich-hysterischen Hinweis darauf, dass man Lampenöl nicht von Palmen pudern kann, oder ähnlicher Pennerrhetorik, beantwortet hat, wurde man in der Regel am nächsten Bahnhof stillschweigend hinaus geworfen. Das zieht das Reisen naturgemäß etwas in die Länge, führt aber zu einer potenziell beeindruckenden innerdeutschen Stadtkenntnis. Potenziell daher, weil dieser vielschichtigen Weltgewandtheit das klassiche 24-Stunden-Penner-Gedächtnis leicht im Weg stand.
    Er hatte sich Kiel ein wenig anders vorgestellt. Vorallem belebter und betrunkener. Im Verhältnis zu anderen Großstädten trägt Kiel tatsächlich das Phänomen innerwöchentlicher Ausgestorbenheit bei Nacht. In Städten wie Hamburg oder Berlin hatte man das Gefühl, die Bewohner würde nie schlafen. In Kiel dagegen konnte man sie sogar Schnarchen hören. Langsam beschlich den Kapitän das dunkle Gefühl, dass der Begriff „Kieler Woche“ nicht zwangsweise auf jede einzelne Woche im Jahr gemünzt sein könnte, sondern ganz speziell eine einzige Woche im Jahr meint. Er kämpfte gegen das Bedürfnis zu Heulen an und unterdrückte es schließlich ganz mit der Einsicht, dass er noch nie einen raubeinigen Kapitän hatte weinen sehen. Er überlegte sich einen Bart wachsen zu lassen.

  3. #3
    Sterbend_Besungen
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    Ist etwas.. wie soll ich sagen? Ungewöhnlich wäre unpassend.. vllt. etwas "seltsam" - aber es gefällt.
    Gibt's davon noch mehr ?

  4. #4
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    ja... "seltsam" ist wohl leider das ergebnis, wenn ich versuche dezent humorvoll zu schreiben... ich sehe schwere Zeiten für meine unsichtbare Karriere als Komiker...

    aber ja, prinzipiell gibt es mehr, und soll auch noch mehr werden... bei größeren Texten hab ich zwar den klassischen Hang schnell die Geduld oder die Lust zu verlieren... aber ich wollt eh schon immer einen Roman über meine Stadt in der Art schreiben... von daher hoff ich mal, dass die Idee standhält...

    ich werd vermutlich im Laufe der Zeit hier, oder zumindestens in meinem Blog, immer mal wieder was reinstellen davon...

  5. #5
    Sterbend_Besungen
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    Naja.. es hat auch etwas 'komisches' - nur ist das mehr so unterschwellig, wie ich finde. Dann freut man sich mal auf weitere Werke.. *g*

  6. #6
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    ok, dann kommts ja halbwegs mit meiner Idee beim Schreiben hin... ich mag komik immer eher son bissl indirekt. Ich schätze es wird im verlauf auch noch ein wenig schwanken zwischen komisch und tragisch, damit liebhaber beider kategorien keinen richtigen spass dran haben... jawohl...

    schätz mal irgendwann die nächsten tage, werf ich mal wieder was rein... hab hier noch bissl rumliegen und schreib aktuell auch noch recht regelmäßig dran... sollte nicht an material mangeln...

  7. #7
    Sterbend_Besungen
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    Gut, dann warte ich.. *g*

  8. #8
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    Da Xiverleinchen mich und einpaar Leidensgenossen auf die Userliste der Leute, die er persönlich nicht so mag, gesetzt hat, und daher MT ungefähr so schnell läd, wie zu 0,001k Modemzeiten, wirst du und potenziell andere interessierte dann doch mitm Blog vorlieb nehmen müssen... *g*... das dauert mir hier so alles zu laaang um irgendwas posten zu wollen

    Fetzen und Freysinn

    werd da gleich mal ne gesonderte Page für einrichten und so...

    hachja... Xiverlein, mein Sonnenschein... *g*

  9. #9
    Sterbend_Besungen
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    Soll mir auch recht sein, solang's was zu Lesen gibt.. *g*

  10. #10
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    ich... krrrrrch.... versuchs... krrrch... noch einmal.... krrrrrrrchwiiiit

    fortversetzung

    Sein Proviant neigte sich dem Ende zu. Der Begriff „Proviant“ stand im Pennerterminus für etwas viel bedeutsameres als schnöde Nahrung. Es ging um Alkohol. Der Tetrapack reagierte unangehm wenig auf das enthusiastische Geschüttel des Kapitäns. Nur ein seichtes Schwappen machte sich bemerkbar. Es tat ihm weniger um das Getränk an sich leid - als neugeborener Kapitän zur See sollten einem sowieso höherprozentigere Alkoholika in stolzen, gläsernen Flaschen zur Verfügung stehen - aber er zog jeden alkohollastigen Hustensaft der Nüchternheit vor. Er glaubte fest an die Maxime, dass ein Großteil seiner zufriedenen Lebenseinstellung mit der dauernden Orientierungs- und Erinnerungslosigkeit zusammenhing.
    Vor ihm lag eine Kreuzung. Als er die Waterkant (man munkelt, dass platt in plattdeutsch sei ein Hinweis auf die relativ flache Ausdrucksweise hinter dieser friesischen Kommunkationsart. Waterkant bezeichnet z.B. einfach die Meeresnähe durch die verrohte Bezeichnung „Wasserkante“) vorhin verließ, entschloss er sich andere Penner zu finden. Er vertraute dabei in der Regel auf diverse natürliche Instinkte (wie die natürliche Penner es nannten), was in Wahrheit aber einfach eine Anspielung auf die Geruchsballung war. Diese entsteht ganz selbstverständlich, wenn eine größere Anzahl an Penner sich zusammen rottet um Hegels Philosophie zu diskutieren (oder wenn normale Menschen nahe sind, die Farbe von Katzenpisse im Dunkeln). Der Kapitän hatte nun allerdings mit einem norddeutschen Phänomen zu kämpfen: Gute, salizge Meeresluft. Man könnte meinen, dass der erhöhte Kontrast dadurch Penneransammlungen intensiver hervor hob, aber seine Nase war vornehmlich damit beschäftigt völlig iritiert zu sein und erste Anzeichen von klimawechselbedingter Verstopfung zu erleiden. Zum Glück gab es noch andere Möglichkeiten der Orientierung. Die Straße, die sich vor ihm zur Linken erstreckte, wies in der ferne am Rand parkartige Ambitionen auf. Die Gewohnheit von Pennern sich in naturgepeinigten Parkanlagen zu verkriechen lag vermutlich an einer verkappten romantischen Hippie-Ader, die dem Lifestyle Straße auf eine sehr absurde Art anhaftete. Nach einem kurzem Marsch erreichte er das erste Gestrüpp. Schützenpark, belehrte ihn ein Schild am biologisch-geformten Eingang. Der Kapitän schlenderte gemütlich hindurch. Es war überraschend leer. Freie Bänke, soweit dass Auge reicht, was wohntechnisch paradiesisch anmutete. Ihm lagen diverse zotische Bemerkungen über die „Bankenkrise“ auf der Zunge. Nach kurzer Zeit kam er an einen Teich. „Ach, du nun wieder! Reichs Orgon ist esoterisches Gesülze. Unverifiziertes Gestotter eines gescheiterten Psychoanalytikers“ „Das kannst du so auch nicht sagen. Ein Großteil seines Werkens hat wichtige Beiträge zur Charakteranalyse gebr…“
    „Gebr?“ „Sei still! Da ist jemand!“ „Oh… äh… grüner Urang Utan in der Zange! „Brodel Brodel! Leberknödel!“ Der Kapitän schlenderte um die Ecke und wurde skeptisch gemustert. Dann bemerkten die Anwesenden, dass sie zu betrunken waren um richtig zu sehen. Nasenflügel zuckten synchron und zeugten von intensiver Beschnupperungsarbeit. Erleichtertes Seufzen keimte auf. „Ein Kollege! Hallo!“ Es gab in Pennerkreisen keine Skepsis neuen Gesichtern gegenüber, sofern sie klar als Penner auszumachen waren. Es gab auch keine ernsthaften Befürchtungen, dass die Szene durch versteckte Ermittler unter Beobachtung gestellt werden könnte. Das lag nicht nur an der intensiven Vorbereitungszeit, die es benötigte um eine angemessene Tarnung zu erstellen ( 2 Stunden auf einer Schotterstraße in Klamotten rumrollen und dann 2 Wochen in diesen rumrennen, möglichst ohne Wasserkontakt ), sondern einfach in der buchstäblichen Unfähigkeit der Penner zur organisierten Kriminalität. Ein spontaner Taschendiebstahl war möglich. Vielleicht auch mal die Entwendung einer Flasche Fusel aus dem Supermarkt. Aber längere Planung war einfach nicht machbar. Sie waren durchaus in der Lage, sich einen komplizierten Masterplan auszudenken, bloß sie vergaßen vorangegangene Schritte des Planes zu schnell auf Grund der ehrenwerten Pennereigenschaft der intervallartigen Amnesie.
    „Ich bin Paul, der Prophet“, fuhr die Gestalt, die offensichtlich die Sprachführung übernommen hatte, die Begrüßung fort. Es gab keine klare Hierarchie. Aber größere Gruppen von Straßenabschaum hatten festgestellt, dass sie sich untereinander besser verstanden, wenn sie eine gewisse Ordnung wahrten. So wurde in relativ unorthodoxen Abständen regelmäßig per Flaschendrehen ein neuer Rädelsführer bestimmt, der die Kommunikation untereinander leitete, sowie das Sprachrohr der Gruppe zu Aussenstehenden war. Hinter dem Propheten Paul standen noch drei weitere Gestalten. Der Linke wurde von Paul als Gegensatz-Günther vorgestellt. Er trug ein Baseballcap und eine (seiner Meinung nach echte) Goldkette, die auffällige Abblätterungen aufwies, unter der man den entlarvenden Farbklang „rostige Fahrradkette“ vermuten konnte. Über seiner zerrissenen Jeans trug er ein rosa Tütü. Der Kapitän entschied sich nach kurzem Grübeln nicht nachzufragen. Der Mittlere wurde als Wortloser-Wilhelm introduziert. Er sah für einen Penner überraschend normal aus. Seine einzige Marotte trug er in seinem Gesicht: Es war das traurigste paar Augen, dass der Kapitän jemals gesehen hatte. Paul fügte der Nennung des Namens eine flotte Erläuterung darüber hinzu, dass Wilhelm nicht wirklich wortlos sei, sondern eigentlich einfach bloß furchtbar selten sprach. Wenn er es mal tat, war es etwas furchtbar Wichtig- bis Weltbewegendes. Oder extrem merkwürdig. Manchmal auch beides, vermutete Paul. Der Rechte wurde feierlich als Kacke Karsten mit K entmystifiziert. Normale Menschen würden eine feierliche Erwähnung des Namens „Kacke Karsten mit K“ vermutlich als ungewollt komisch empfinden. Aber in Pennerkreisen verloren Vulgarismen in gewissen Sinne ihre ursprüngliche Bedeutung. Hinzu kam, dass ein alliterations-durchtränkter Name hier eine adelige Herkunft andeutete. Man munkelte, dass es früher im Mittelalter (laut einigen Pennern mit einem besonders guten Gedächtnis muss es ungefähr in den 1980ern gewesen sein) auch unter Pennern monarchische Strukturen und sogar Könige gegeben hatte. Kacke Karsten mit K war also eventuell ein Prinz, oder so. Der Kapitän deutete eine Verbeugung an und erroch flüchtig die Bedeutung seines Namens. Kacke Karsten mit K hatte auf mannigfaltige Weise und völlig überraschend mit Kacke zu tun. Er hob sie gerne auf, bewarf äußert gerne Leute damit und verzichtete auch größtenteils mit brennender Leidenschaft darauf für den Stuhlgang seine Hose runter zulassen.

  11. #11
    Sterbend_Besungen
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    Den Teil hatte ich zwar schon gelesen aber um hier mal meine Meinung dazu zu sagen.. ich muss er entlockte mir ein paar mal ein starkes Schmunzeln.. *g*
    Es ist zwar immernoch diese "Komik" dabei, aber es ist doch etwas anderst.

  12. #12
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    jey... damit wird man wohl leben müssen... weil grade bei größeren texten, dann doch meine stimmung sehr sehr schwankt... eventuell wird das im ewigen ausbesserungsprozess alles noch ein wenig angeglättet... aber wird man sehen... *g*... krrrrch.... verdammtes rumgeharke hier... krrrrrchtütüüüüüüüüüüükrrrr

  13. #13
    Sterbend_Besungen
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    Mich störts nicht.. *g* Ehrlich gesagt macht das die Texte interessant.

  14. #14
    Meischukmeilech
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    achja... ein großteil der Gestalten ist übrigens an existierende Personen angelehnt... nur um mal ein wenig mein verschulden für diverse Absurditäten ein wenig zu lockern...

  15. #15
    Sterbend_Besungen
    Gast

    AW: Ein Ausschnitt aus der Chronik Kiels

    Das passt schon so wie's ist. Wie gesagt.. gerade dadurch, dass es etwas absurd und seltsam ist gewinnt es an Reiz.

 

 
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