1. #1
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    Narziss und Felicitas

    "Du kannst dein Leben erst dann völlig dein eigenes nennen, wenn du dich selbst mit Dingen umgibst, die dir Freude bereiten", sagte er während er das Weinglas vom Tisch nahm und sich lässig auf der Ledercouch zurücklehnte, sieh her, genau diese Dinge meine ich, und führte dann seinen Monolog fort, "und solange das nicht so ist, musst du hart dafür arbeiten. Du darfst den Zustand der Unvollkommenheit nicht tatenlos hinnehmen, Felicitas. In eindimensionalen Realitäten musst du deine 3D-Brille aufsetzen." Er lachte, sich der lächerlichen
    Simpelheit seiner Aufforderung bewusst. "Du bist ein Niemand, aber tu so, als gehörte dir die Welt. Kleide dich in das Gewand der Lüge, wenn die Wahrheit bloß nackt und hässlich ist wie eine alte Hure. Verstehst du, was ich meine?", fragte er, erwartete aber keine Antwort von ihr und nahm einen großen Schluck von seinem Chardonnay. Sie verstand sehr gut und teilte auch die meisten seiner Ansichten, jedoch verabscheute sie die Sicherheit, die er ausstrahlte, als könne ihn nichts auf der Welt erschüttern. Kleide dich in das Gewand der Lüge. Das würde letztendlich bedeuten, dass die beiden sich belügen würden wenn die Wahrheit hässlich würde. Und macht das Sündigen es einem selbst nicht unmöglich, den anderen
    für seine Sünden zu verurteilen? Was passiert, wenn zwei Diebe sich gegenseitig bestehlen und erfahren, was der jeweils andere getan hat?
    Sie stellte ihr Glas ab. Es gab keine Bilder in seinem Wohnzimmer; lediglich Spiegel. Er selbst sollte das prunkvolle Porträt an seiner Wand sein. "Glaubst du an Wiedergeburt?", fragte sie ihn plötzlich und unverblümt. "Nein", gab er ohne langes Überlegen zurück, "ich glaube, Glauben ist ein Haufen Scheiße." Er lachte. In einem früheren Leben hätte er nur ein einziger sein können: der junge Narziss, der sich unsterblich in sein Spiegelbild verliebt, mit jedoch einem Unterschied: Er hätte Echo, die lediglich Narziss' sich selbst gewidmeten sehnsüchtigen Worte wiederholen konnte, nicht über seiner Schönheit ignoriert, sondern er hätte sie ein, zwei Mal genommen, und sich dann wieder in seiner unerfüllten Liebe verloren. Vielleicht war er in einem früheren Leben auch ein Dandy, mit verschiedenen Friseuren, zuständig für verschiedene Partien seiner Kopfbehaarung, mit verschiedenen Schneidern, zuständig für die einzelnen Finger seiner Handschuhe, ein Schein von Mensch, der das männliche Geschlecht bevorzugte und seine sexuelle Erfüllung in Analverkehr und Fellatio fand? Nein. Er liebte die Frauen. Er liebte es, sie mit Materiellem zu beeindrucken, er liebte ihre Beine, ihre Brüste, vor allem ihre Brüste. Ein gewöhnlicher Mann, der sich für außergewöhnlich hielt. Mittlerweile hielt er zu einem nachdenklichen Gesichtsausdruck den Wein gegen das Licht. Ich kenne mich aus. Zu diesem hatte er sie eingeladen, nachdem die beiden bei einem Nobelitaliener zu Abend gegessen hatten. Zuerst Essen, dann Wein, dann Sex? War das nicht alles, worauf es hinauslief? Ein Mann und eine Frau, allein in einem großen Haus, mittelmäßig alkoholisiert? Es war so simpel, ein Klischeé. Vielleicht brauchte sie etwas einfaches, etwas, das sie nicht erschütterte, ja genau in diesem Moment.

    Zwischen zwei Küssen, mit denen er sie fast erstickt hätte, schaute er in den Spiegel, der als Rückenlehne seines Bettes diente und lächelte. Sie nahm ihre Beine hoch, legte sie auf seine Schultern und drehte ihren Kopf zur Seite, um seiner Zunge zu entkommen. Mit jedem seiner Stöße kam sie dem Höhepunkt ihrer Ekstase näher, doch sie konnte ihn nicht genau bestimmen. Tränen liefen ihre Wangen herunter, fast lautlos. Es waren bloß zwei Körper, die sich in verschiedenen Stellungen umeinander und ineinander wanden, ein bedeutungsloses Spiel. Erschöpft ließ er sich neben sie fallen und schlief prompt ein, und das war der Zeitpunkt als dem Supermann das Kostüm, das er immer ängstlich festgehalten hatte, vom Körper rutschte und nur noch ein einfacher Mann mit Hühnerbrust übrig blieb. Um das Klischeé zu perfektionieren zündete sie sich eine Zigarette an und blies den Rauch in die von seinem Schnarchen erfüllte Nacht.

    _________

    Würde gerne wissen was ihr denkt.
    Geändert von desperate (25.08.2007 um 21:46 Uhr)
    Sometimes I feel my grip on my rigid self control fall apart

  2. #2
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